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Stephan Thome: Fliehkräfte : Man hat so lange Glück, bis es einen verlässt

Eingeschränkte Unfreiheit

Das Angebot des Berliner Verlags eröffnet Hartmut die Chance, seiner Frau nach Berlin zu folgen. Doch es fällt ihm so schwer, die Entscheidung zu treffen, dass er sich zunächst im Auto auf eine zweitausend Kilometer lange Odyssee mit ungeahntem Ausgang begibt. Vom Instinkt geleitet, besucht er frühere Freunde wie zum Beispiel Sandrine, die inzwischen in Paris lebt. Nach dem Schlaganfall ist sie plötzlich die schwache Frau, die sie nie sein wollte. „Versteck dich nicht hinter Paragraphen“, rät sie ihm, „so unfrei, wie du glauben willst, bist du nicht. Du hast bloß Angst.“

Angst hatte auch Bernhard Tauschner, als er vor Jahren seine Bonner Juniorprofessur niederlegte, um in Südfrankreich ein Weinlokal zu eröffnen. Als Hartmut den früheren Fakultätskollegen jetzt in Mimizan besucht, sieht er auf den ersten Blick, dass es der Freund nur zur Touristenbar mit Plastikmöbeln gebracht hat, in der unentwegt Bob Marley aus Lautsprechern kratzt. Trotzdem glaubt Bernhard, „dass es sogar besser sei, den falschen Schritt zu tun, statt grübelnd auf der Stelle zu treten“. Einen Weinberg kaufen, mit Antiquitäten handeln - für Bernhard scheint tatsächlich alles denkbar, was für Hartmut vor allem Ausdruck von Verwöhntheit und Naivität ist.

Das Leben als Parodie unserer Träume

Wie schon den Protagonisten in „Grenzgang“ erscheint auch dem neuen Helden von Stephan Thome das Scheitern plausibler als der Sieg. Als sich ihm die Chance auf einen Berliner Lehrstuhl eröffnete, kam es ihm bald selbst „merkwürdig“ vor, auf Platz eins der Bewerbungsliste für eine C4-Professsur zu stehen - dort, wo alle hinstrebten. „Hartmut Hainbach aus Arnau. Er wollte ihn nicht zulassen, aber der Gedanke war da, ungerufen.“ Und er blieb. So lässt sich mit Hainbachs Kapitulation vor der Wirklichkeit „Fliehkräfte“ nicht zuletzt als umgekehrter Bildungsroman lesen, nicht als Ent-, sondern als Abwicklung einer Biographie. Denn Thome erzählt nicht die Geschichte, wie einer wurde, was er ist. Ihn interessiert, was mit einem passiert, der auf der Höhe seines Lebens stehend ins Straucheln gerät. Alles kann jederzeit zur Disposition stehen, wird ihm klar: „Man hat so lange Glück, bis es einen verlässt.“

Dabei verfügt Hainbach ausgerechnet über einen ausgeprägten Blick für die Schwächen der anderen, was an den Konstellationen und Anhängigkeiten freilich nichts ändert. Angst treibt fast alle hier um. Selbst ein erfolgreicher Verleger wie Peter Karow, der heute sagt, Scheitern sei nicht sein Stil, sitzen gerade die Misserfolge von einst zu sehr in den Knochen, als dass markige Sprüche sie überdecken könnten. Die Geschichte der „Fliehkräfte“ ist tatsächlich auf grausame, auch schrecklich lustige Weise wahr. Und es zeigt sich schon in einem scheinbar harmlosen Motiv wie der alten DVD-Kiste, die Hainbach eines Tages im Keller seins Hauses findet, Thomes ganze Meisterschaft als Erzähler. Geschichten wie diese sind es, die dem Roman nicht nur eine gesellschaftsrelevante, sondern zudem eine verstörende menschliche Tiefe geben. Denn auch die Kiste mit den Schundfilmen ist zuletzt natürlich eine Erscheinung, in der sich die Irrtümer, Täuschungen und Selbsttäuschungen eines ganzen Lebens offenbaren. Unser Leben ist nur die Parodie unserer Träume. Davon ist Hartmut Hainbach überzeugt.

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