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Stephan Thome: Fliehkräfte : Man hat so lange Glück, bis es einen verlässt

Eine tugendhaft realistische Erzählweise

Berlin ist der Sehnsuchtsort gleich mehrerer Figuren von Stephan Thome. Schon in seinem formal geschickten „Grenzgang“ (2009) über zwei im Hinterland gestrandete Großstädter trauert der an der Humboldt-Universität gescheiterte Historiker Weidmann um Berlin wie um eine verflossene Geliebte. In „Fliehkräfte“ lässt Maria sich auf das Rheinland überhaupt nur unter der Bedingung ein, dass ihr Mann sich weiterhin auf jede frei werdende Stelle in Berlin bewerbe. Und abends sitzen Hartmut und Maria manchmal auf ihrem Bonner Balkon und träumen von Zweihundert-Quadratmeter-Wohnungen in Ost-Berlin mit bröckelndem Stuck. So böse kann dieser Erzähler sein, so schonungslos schaut Stephan Thome auf die Nöte, Ängste und Defekte seiner Figuren. Und aus immer neuen Perspektiven ergründet er jeden Winkel ihres Seelenlebens.

Die Erzählweise ist realistisch - eine Tugend, die in Deutschland an amerikanischen Autoren bewundert, aber an eigenen gern geschmäht wird. Dabei ist sie immer zu einem kleinen Ausflug bereit, in Reminiszenzen an die Montagetechnik der Klassischen Moderne, im Eintauchen in verschiedenste Milieus, vom amerikanischen Campusleben über Berliner Künstlerkreise und die Niederungen deutscher Hochschulverwaltung - bis in de anarchische Freiheit Portugals. Darüber hinaus versteht es Thome, den Leser in die Dialoge hineinzuziehen, als lausche er am Nachbartisch. In pointierten Beschreibungen spürt man die zurückgehaltene Aggressivität in Gesprächen ebenso wie die Zwischentöne des liebevollen Erpressens und des offenbarenden Verbergens.

Philosophiert wird eher selten

Stephan Thome selbst ist ein großer Unbekannter der deutschen Literatur. An den üblichen Vernetzungspunkten des Betriebs trifft man ihn nicht an. Dabei ist es nicht so, dass der 1972 in Biedenkopf geborene Schriftsteller, der in Berlin Philosophie und Sinologie studierte, sich der Welt entziehen würde. Vielmehr lebte er in den vergangenen zehn Jahren in einer ganz anderen Weltgegend, in Taipeh, und forschte zur chinesischen Philosophie. Die Distanz hat seinem Schreiben nicht geschadet, im Gegenteil. Und dass er selbst wie seine Hauptfigur studierter Philosoph ist, lässt Thome allenfalls ironisch durchblicken, etwa wenn ein verkrachter Student Hainbachs, der jetzt Taxi fährt, unentwegt Wittgenstein zitiert. Dass „was denkbar ist, auch möglich ist“, war Hainbach bisher aber eher theoretisch klar gewesen. Auch die Gestalt des Chinesen Herr Lin, der mit seiner uferlosen Promotionsschrift über „Die Rückkehr des Weltgeistes nach China“ alle in den Wahnsinn treibt, ist als augenzwinkernde Anspielung zu verstehen.

Philosophiert wird hier eher selten, dafür unter dem Hochschulbetrieb umso mehr gelitten. Die Reformwut mit ihren Modultiteln, Leistungspunkten und der komplizierten Arithmetik von ECTS verfolgen den Hochschullehrer noch im Schlaf. Dass auch ein hauptberuflicher Denker blind sein kann für die Dinge, die um ihn herum geschehen, muss er sich ausgerechnet von seiner Tochter vorhalten lassen. Du kannst ja nicht mal zwei und zwei zusammenzählen, wettert Philippa: Wofür bist du denn Philosoph?

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