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: Steine in Shropshire

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Wenn jetzt der Winter uns zu Leibe rückt, wenn Schneetreiben, Eiswind oder Nieselkälte täglich unsere Sommersehnsucht steigern, dann bietet dieser neueste Band der P.-G.Wodehouse-Reihe, dunkel lavendelfarben und in schönstem Poesiealbumformat, genau die richtige Mischung, um das Gemüt zu wärmen. ...

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          Wenn jetzt der Winter uns zu Leibe rückt, wenn Schneetreiben, Eiswind oder Nieselkälte täglich unsere Sommersehnsucht steigern, dann bietet dieser neueste Band der P.-G.Wodehouse-Reihe, dunkel lavendelfarben und in schönstem Poesiealbumformat, genau die richtige Mischung, um das Gemüt zu wärmen. Denn der Roman "Heavy Weather", so der Originaltitel von 1933, versetzt uns gradewegs ins grüne Shropshire, wo die fabelhafte Welt des noblen alten Englands am hochsommerlichsten strahlt.

          Hier lacht die Sonne über Blandings Castle, und falls nicht eben ein erfrischendes Augustgewitter kracht, wird das träge Zirpen der Insekten allenfalls gestört, wenn die Eiswürfel im Whisky-Soda, den Sir Galahad gerne im Garten einnimmt, allzu heftig klimpern. Im übrigen versteht es sich, daß jeder Niederschlag und Wetterwechsel hier strikt der Stimmungsökonomie folgen: Trübe oder Heiterkeit stellen sich im Herzen wie am Himmel stets gemeinsam ein. In Wodehouse-World - und dafür liest und liebt man sie seit je - ist auf die Naturgesetze ebenso Verlaß wie auf die peniblen Einträge im Adelsregister.

          Doch lasse man sich nur nicht täuschen! Bis solche schöne Harmonie am Ende wieder herrscht, ist es ein langer Weg, und dieser führt durch so viel kleine Boshaftigkeiten und große Intrigen, daß man der Schlußidylle förmlich entgegenfiebert. Die ganze vornehme Gesellschaft, die sich zur Regelung anstehender Heirats- und Erbschaftsfragen auf dem Landsitz einfindet, gibt sich zwar distinguiert und ist doch so abgrundtief durchtrieben, daß letztlich jenes Londoner Revuegirl, an das der junge Adelssproß sein Herz verloren hat, als wahre Unschuld vom Lande erscheint. In solchen Wendungen liegt vielleicht die eigentliche Kunst dieses oft falsch eingeschätzten Autors: Erst zieht er uns mit sanftem Sog unter die Glasglocke seiner unwiderstehlich englischen Fiktionswelt, und dann wirft er darin vergnügt mit Steinen.

          Währenddessen unterhält er uns jedoch mit wirklich umwerfend komischen Verwicklungen. Hauptantrieb dieser bewährten Handlungsmechanik sind diesmal Sir Galahads soeben niedergeschriebene Memoiren. Die Schilderung seines ausschweifenden Lebens als Bonvivant zu Zeiten Königin Viktorias enthüllt etliche pikante Details über Mitglieder der besseren Familien, die sie daher mit aller Kraft zu unterdrücken suchen. Seine Lordschaft will von der Veröffentlichung jedoch nur absehen, wenn seinem Neffen die Heirat mit der Frau des Herzens erlaubt wird, was dessen Mutter und Tante hartnäckig hintertreiben, währenddessen der Verleger, der aus dem Skandalbuch traumhafte Profite schlagen will, alles daransetzt, an das begehrte Manuskript zu kommen. Außerdem sind mit von der Partie: ein reicher Schnösel, der aber, um sein Erbe anzutreten, ein Jahr die Stellung als Privatsekretär halten muß, ein mißliebiger Nachbar, ein entlassener Kulturredakteur, der seinen Scharfsinn neuerdings als Privatermittler nutzt, diverse Butler, Stallburschen und Chauffeure sowie das amtierende Familienoberhaupt Lord Emsworth, dessen einzige Leidenschaft und Sorge allerdings seiner preisgekrönten Zuchtsau gelten, der sich auch der deutsche Titel "Sein und Schwein" verdankt.

          Mit diesen Spielfiguren entwickelt die Geschichte sich streng nach den Regeln der Salonkomödie, will sagen, jedes strategische Manöver schlägt um ins genaue Gegenteil, jede Rettungsaktion nimmt die schlimmstmögliche Wendung, und mit jeder Drehung schraubt der Plot sich zusehends ins Absurde. Die bemerkenswerte Nonchalance, mit der Wodehouse solcherlei skurrile Possen zuverlässig abschnurren läßt, hat ihm weltweit eine große Fangemeinde zugeführt. Seit seinem Tod vor dreißig Jahren fruchten sogar deren Anstrengungen, ihn von dem Ruch des Landesverrats reinzuwaschen, der ihm seit seinen notorischen Radio-Ansprachen aus dem Berlin der Nazi-Ära anhaftet.

          Doch Wodehouse-Bewunderer wie -Verächter verkennen gleichermaßen, worin wohl die beste Pointe seiner heiteren Erfindungsgabe liegt. Die Grafschaft Shropshire ist ein altbewährter Spielplatz pastoraler Träume, die sich dorthin vor der kalten Moderne längst zurückgezogen haben. Doch wenn Wodehouse uns aufs Land lockt, bietet er gerade keine heilen, sondern geheilte Welten und stellt so genüßlich nur unsere eigenen Phantasien bloß. Fern der Heimat, die er selbst nach 1924 kaum mehr aufsuchte, fertigt er seine Romane aus Surrogaten verbliebener Heimatseligkeit, die er augenzwinkernd als Ausstiegsdroge verkauft.

          Wer will, mag darin die gelungenste Verführung zum Kitsch sehen. Aber erst mal wollen wir uns amüsieren. Aufgeklärte Bücher lesen wir dann wieder im Sommer.

          P. G. Wodehouse: "Sein und Schwein". Ein Blandings-Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 2004. 314 S., geb., 22,90 [Euro].

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