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„Junge mit schwarzem Hahn“ : Das Federvieh ist hier der Held

„Junge mit schwarzem Hahn“ ist der erste Roman von Stefanie vor Schulte, die 1974 in Hannover geboren wurde. Bild: Gene Glover / Diogenes Verlag

Ein mythischer Abenteuerroman als Debüt: Stefanie vor Schultes „Junge mit schwarzem Hahn“ entführt in eine geheimnisvolle Welt, die erlöst werden will.

          4 Min.

          Martin ist elf Jahre alt, „sehr groß und dünn. Er lebt von dem, was er verdient.“ Wenn er die Tiere der Leute im Dorf hütet, bekommt er eine Zwiebel als Lohn. Und „seine Augen sind sehr schön. Dunkel und geduldig. Alles an ihm wirkt ruhig und bedacht. Und das macht ihn den Leuten im Dorf unbequem. Sie haben es nicht gern, dass einer zu lebendig ist oder zu ruhig.“ Schon gar nicht dieses merkwürdige Kind. Als Martin drei Jahre alt war, hat er ein schreckliches Abschlachten überlebt, ein Blutbad, das sein Vater an seiner Familie vollbrachte: „Es ist kein Kind der Liebe, es ist aus Hunger und Kälte gemacht“, so denken sie im Dorf. Martin scheint von dem Massaker auf wundersame Weise verschont geblieben, als ein unschuldiges Kind. Mit ihm entkam der schwarze Hahn dem Tod, der seither immer bei Martin ist, auf seiner Schulter oder in seinem Schoß sitzend; alle im Dorf sagen, „das Vieh“ wäre der Teufel.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Junge mit schwarzem Hahn“ ist ein höchst seltsamer Roman, eher eine erstaunliche Erzählung voller Grausamkeit, fantastischer Geschehnisse und rettender Liebe. In einem Stil geschrieben wie aus der Zeit gefallen und zugleich aufregend unbekannt; in einer Sprache verfasst, deren kunstvolle Einfachheit vom ersten Satz an in ihren Bann zieht. Das ist nicht die Art ein­facher Sprache, die ihrem Vorsatz nach angeblich umstandsloses Verständnis ermöglichen soll. Eher sind es solche klaren, nicht selten harten Sätze, ist es die Art von Rede und Gegenrede, wie sie die Märchen und Sagen kennen, in denen die tiefsten Geheimnisse doch verborgen bleiben, vielleicht sogar geborgen.

          Und er kann sprechen

          Es gibt natürlich eine Geschichte, in die Martin hineingezogen wird, gemeinsam mit dem „Maler“. Den Maler, der in das Dorf gekommen ist, um ein Altarbild zu schaffen, lernt er gleich am Anfang kennen. Mit auf den Weg ins Unbekannte nimmt Martin seinen Freund der speziellen Art, den schwarzen Hahn nämlich, in der Rolle nicht nur eines Seelenbegleiters. Der Hahn führt ihn in höchste Gefahr und Not, in der alles Zagen den sicheren Tod bringen würde. Zugleich steht ihm der Hahn in der Stunde äußerster Gefahr bei. Und er kann sprechen, jedenfalls zu Martin, der ihn versteht. Sprechende Tiere gibt es sattsam in den Märchen, in der Literatur überhaupt. Der schwarze Hahn, der keinen Namen hat, ist wortkarg, doch von absoluter Bestimmtheit: „Die Aufgabe ist mit dir in die Welt gekommen, und jetzt passt sie dir wie angegossen.“ Dieses Vieh ist nicht des Teufels – vielleicht eher Geschöpf von dessen allmächtigem Widersacher. Es führt Martin zu seiner Bestimmung eines Erlösers, treibt ihn zuvor freilich durch Teufels Küche.

          Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“. Roman.
Diogenes Verlag,  Zürich 2021. 224 S.,  geb., 22,– €.
          Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2021. 224 S., geb., 22,– €. : Bild: Diogenes Verlag

          Denn es ist Krieg „in der Gegend“, wo immer diese sei, in einer vergangenen Zeit, die wie der dunkle Spiegel einer gewalttätigen Gegenwart anmutet. Ihre Route führt den Maler, Martin und den schwarzen Hahn über manche aberwitzigen Stationen zur Burg einer fürchter­lichen Fürstin, deren Wahn die Schuld trägt am Raub und Morden unschuldiger Kinder. Dafür schickt sie ihre so geheißenen „Reiter“ ins umliegende Land aus, in dem selbst die Natur geknechtet ist. Einmal heißt es, kurz vor dem Ziel der drei: „Sie sind lang unterwegs und weit ins Landesinnere vorgedrungen. Martin hat das Gefühl, im Zentrum allen Leidens, im Zentrum der Siechenden und Trauernden zu sein. Die Leichen tropfen von den Bäumen wie vergorene Äpfel. Sie säumen die Felder zwischen Mohn­blumen und Schafgarbe. Die Äcker liegen brach. Der Boden aufgeplatzt und dürr. Ameisen tragen ihre Larven davon.“ Die Fürstin ist die Zerstörerin allen Lebens; Martin und der schwarze Hahn werden ihr gegenübertreten. Mehr sei hier nicht preisgegeben, es wäre zu schade um die Lektüre dieses Buches.

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