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Stefanie Sargnagels „Dicht“ : Es traf sie hart, wir lachten trotzdem

Stefanie Sargnagel, Selbstporträt aus dem Buch „Statusmeldungen“ Bild: Sargnagel/Rowohlt

Punks gab es in Währing halt nicht: „Dicht“, Stefanie Sargnagels autobiographischer Roman über eine Jugend unter abgehängten Trinkern, ist wie ein langer Abend auf dem ranzigsten aller WG-Sofas: voller Liebe.

          3 Min.

          So eindringlich, voller betäubter Schildkröten und menschlicher Kobolde, hat seit T. C. Boyle niemand mehr Rauschzustände beschrieben. Stefanie Sargnagel war zuletzt ja eher dem Theater verpflichtet. In Berlin verhalf sie Iphigenie, einer der redlichsten Figuren der Theatergeschichte, zu einem gesunden Appetit auf fettes Essen und Sex, am Volkstheater in München stieg sie in die Untiefen der Oktoberfest-Tradition. Drei Jahre liegt mittlerweile ihr Buch „Statusmeldungen“, eine Sammlung ihrer Facebook-Status-Gesellschaftsanalysen, zurück. Danach konnte man sie noch auftreten sehen mit einem Programm voller Pointen, die zum sofortigen Niederschreiben animierten, was widersinnig war, weil ja alles längst im Internet stand. Sargnagel, die kabarettistische Alleinunterhalterin, in Wien als Tochter einer Krankenschwester und eines Elektrikers geboren, ist ein schonungsloses Genie in der Kurzform. Shitstorms und Morddrohungen: Das hat sie alles schon hinter sich.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Dicht“ heißt nun ihr autobiographischer Roman, dem sein Problem vorangestellt ist: die Frage, ob sie bereit sei, auch auf lange Strecke zu schreiben. Ihre Antwort lautet: Mal sehen. „Mein Alltag ist jetzt halt sehr langweilig, da müssen jetzt die anarchischen Jugendjahre herhalten.“

          Die Geschichte handelt von der jungen Stefanie, die sich von einer deprimierten Tocotronic-Hörerin zum herumlungernden Hippie verwandelt, als sie, von der Schule entnervt und vom Alltag gelangweilt, in ihrer Schulkameradin Sarah eine versierte Kifferkumpanin findet. Dies verändert ihr Leben und Umfeld grundlegend. „Vom Avantgardefaktor her war das eine eher regressive Entwicklung, aber als verlauster Straßenhippie erlebte man halt doch mehr als als zynischer Indiesnob, und Punks gab es in Währing nicht.“

          Die wahrhaftige Stefanie Sargnagel
          Die wahrhaftige Stefanie Sargnagel : Bild: Picture-Alliance

          Auf ihrem Weg hinaus in die ungefilterte Realität trifft die Erzählerin mit jugendlicher Neugier auf die tragischen Protagonisten der Großstadt: einen „König Mao“ genannten sudanesischen Alkoholiker mit Hang zur Sentimentalität, einen traumatisierten Heroinjunkie, der im Jugoslawien-Krieg kämpfte, bipolare und paranoid-schizophrene Mathematiker, Nazis, die schon mit Ende zwanzig aufs Sterben warten („Ich bin ein Psychopath“), kluge Frauen mit Haifischblick, Jungen, die sich mit Zahnpasta duschen wollen, immer wieder Kontrollbeamte – und den an Aids erkrankten Michi. Sie alle lungern mit ihr auf den Straßen von Wien oder in zwielichtigen Beisln. Einen Zufluchtsort gibt es: Michis Wohnung, in der auf Matratzen diskutiert wird und Stefanie niemand zwischen die Beine greifen darf. Als Teenager in solchen Kreisen ist man nämlich beliebtes Opfer sexuellen Frusts.

          Sargnagels Stefanie ist eine interessante Erzählerin, abgeklärt und naiv zugleich, sie verachtet die Zwänge des Bildungssystems, würde die Schule gern niederbrennen und als Landstreicherin durch die Welt ziehen. Die psychisch Kranken, mit denen sie die Abende verbringt, betreut ihre Mutter tagsüber als Krankenschwester. Aber vom Zynismus der späteren Kabarettistin ist noch nichts zu spüren. Tritt Stefanie aus dem Schulgebäude, erkennt sie die Wahrhaftigkeit im Existenzkampf ihrer Gefährten und versöhnt sich wieder mit dem Leben. Wenn sie dann auf Klassenfahrt geht, freut sie sich wie ein kleines Kind über die Natur rund um den irischen Küstenort Bray, was bei Stefanie Sargnagel so klingt: „kräftige Wellen, knallblauer Ozean und grasgrüne Wiesen“.

          Stefanie Sargnagel: „Dicht“. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 20,– .
          Stefanie Sargnagel: „Dicht“. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 20,– . : Bild: Rowohlt/Hundert Augen

          „Dicht“ ist wie ein langer Abend auf dem ranzigen Sofa einer Wohngemeinschaft. Überhaupt keine Rede von der Stadt Wien, ihren Eigenarten oder gar der Welt da draußen. Wenn neben den Erlebnisberichten der Erzählerin etwas beschrieben wird, dann das Naheliegende. Im Lehrerzimmer riecht es nach Angstschweiß und alten Büchern. Viele der erstaunlich nuancierten Begegnungen heben sich für Momente aus dem Handlungsfluss ab, ohne dass man die Figuren greifen könnte. Schon wartet die nächste Erfahrung, so wie es eben mit sechzehn Jahren ist, und wenn die Freundin Liebeskummer hat, ohne darüber zu sprechen, heißt es lapidar: „Sie hatte mir wenig darüber erzählt, aber es traf sie sehr hart. Die meiste Zeit verbrachten wir trotzdem mit Lachen.“ Was ziemlich akkurat die Realität von Jugendfreundschaften wiedergibt.

          Nur Michi, der Lebenskünstler am Abgrund, der klug daherredet, mit Wörtern spielt und den die Welt in ihrer Dummheit amüsiert, wird hör- und spürbar. Erst war er bei den Wiener Sängerknaben, später hat er gestohlen, betrogen und dafür eingesessen. Mit ihm geht Stefanie auf Vernissagen, weil es dort Brötchen und Wein umsonst gibt, und wenn er wieder einmal auf Entzug ist, pilgern seine Freunde eben in die Klinik. In seiner Gegenwart scheint die Welt wie ein Spielplatz, heiter und leicht. Einmal kommt seine Mutter vorbei, dann erzählt Michi, sie habe sich schon ein Messer in die Brust gerammt. Es ist klar, dass dieser Gefährte es nicht bis zum Ende der Coming-of-Age-Geschichte schaffen wird, er wird sterben und die Jungen zurücklassen, die nicht an ein Ende geglaubt und alle Zeichen missachtet haben. Für eine Weile haben sie so vieles erträglicher gemacht.

          Stefanie Sargnagel hätte kein Buch schreiben müssen, nur weil österreichische Kabarettistinnen gerade zum Zeitvertreib Bücher schreiben. „Dicht“ ist mehr Blog als Belletristik, aber es ist selbstironisch und voller Gespür für den Stolz der Unsichtbaren und Gedemütigten. Es ist in Sargnagel-Manier witzig und entlarvend, wenn etwa Trinker mittleren Alters ihrem siebzehnjährigen Ich zuraunen, mit ein bisschen Sport könne sie richtig geil aussehen, und dabei missachten, „dass ich sie nicht im Geringsten begehrte“. Und es offenbart eine große Liebe zum Menschen, die sich trefflich mit der Rolle der schonungslosen Kabarettistin vereinbaren lässt.

          Stefanie Sargnagel: „Dicht“. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 304 S., geb., 20,– .

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