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Stefan Zweig: Schachnovelle : Gelb gegen Blau, Stuttgart contra München

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Bild: dtv

Welches ist das Original? Zwei Schulausgaben von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ treten gegeneinander an. Und es gibt einen klaren Sieger.

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          Einen Tag bevor Stefan Zweig sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte im brasilianischen Petropolis das Leben nahm, gab er per Einschreiben drei Postsendungen auf. Zwei gingen nach New York, eine nach Buenos Aires. Sie enthielten jeweils ein Typoskript von Zweigs letzter vollendeter Erzählung, der „Schachnovelle“. Über diese drei Exemplare hinaus fertigte Zweig ein viertes an. Es ging nach seinem Tod in den Besitz von Eva Alberman über, der Nichte seiner zweiten Frau. Von Zweigs Meistererzählung existiert also kein einmaliges Original, sondern - oh technische Schriftvermehrung - ein Quartett. Vier mit Durchschlag erstellte Typoskripte, fein säuberlich getippt, akribisch mit handschriftlichen Korrekturen versehen. Die Anmerkungen allerdings weichen voneinander ab.

          Bei den Adressaten der Typoskripte löste die Quadratur des Textes 1942 einen Wettlauf aus. Wer würde die Novelle zuerst auf Deutsch publizieren? Damals gelang dem Argentinier Alfredo Cahn ein Coup. Obwohl Zweig den New Yorker Verleger Ben Huebsch für die deutsche Ausgabe ausersehen hatte, kam Cahn als Erster mit einer deutschsprachigen Auflage von zweihundert Exemplaren und fünfzig Sonderdrucken auf den Markt.

          Und die Geschichte wiederholt sich - zumindest, was den Publikationswettkampf um die „Schachnovelle“ angeht. Allerdings müssen dafür mehrere Faktoren ineinanderspielen: die zeitlose Qualität von Zweigs Duell am Schachbrett, die beachtliche Renaissance des Autors, die er derzeit unter anderem in Frankreich erlebt, das ökonomische Kalkül (Zweigs Werk ist mit Beginn dieses Jahres gemeinfrei geworden), und nicht zuletzt muss der literarische Text in Schule und Universität reüssieren. Erst dann nämlich stellt sich die Frage, auf welcher Textgrundlage die Leser überhaupt arbeiten. Eine solche Materialismusdebatte ist kurioserweise in der „Schachnovelle“ selbst angelegt. Zweigs Schachweltmeister Czentovic muss die Spielfiguren „handgreiflich vor sich haben“, um spielen zu können, während sein Gegner, Dr. B., jenseits aller Materialität nur im Geiste spielt.

          Wer indes den Originaltext „handgreiflich vor sich haben muss“, bringt die vier korrigierten Typoskripte und die auf ihnen beruhenden, unterschiedlichen Ausgaben zurück ins Spiel. Denn in diesem Fall gibt es nicht die eine, verbindliche Textgrundlage. Daher treten nun abermals zwei Ausgaben der Novelle gegeneinander an: beide mit dem Anspruch, den einen verlässlichen Text der „Schachnovelle“ zu bieten und sich so als bevorzugter Arbeitstext zu profilieren. Zwar kommen beide als harmlose Taschenbuchformate daher, doch sind sie knallharte Konkurrenten im umkämpften Universitäts- und Schulbuchmarkt. Das Duell bestreiten jetzt nicht etwa Schwarz gegen Weiß oder New York gegen Buenos Aires, sondern Gelb gegen Blau, Reclam vs. dtv, „Universalbibliothek“ vs. „Bibliothek der Erstausgaben“, Stuttgart contra München.

          Falsche Anmerkungen zu einem verloren geglaubten Typoskript

          Im Fall solcher Studienausgaben lohnt es sich, zuerst die Texte in den Blick zu nehmen, welche die eigentliche Erzählung umrahmen. Bei dtv folgt auf die Novelle ein Glossar in alphabetischer Ordnung, dessen Handhabung umständlich ist. Eine Zuordnung nach Seiten und Zeilen wie im Reclam-Heft wirkt lektürepraktischer. Zudem ergänzt dtv die Novelle um eine zweiundzwanzigseitige Chronik zu Zweigs Leben und Werk. Ist es in diesem Kontext so wichtig, wann Zweig seinen zweiten Lyrikband publizierte? Der Band schließt mit einem handelsüblichen Nachwort des Reihenherausgebers: „Auf Schiffen war Stefan Zweig fast wie zu Hause, auf Schiffen kannte er sich aus.“ Dagegen bietet Reclam Hinweise zur Sekundärliteratur und ein kulturwissenschaftlich angelegtes, aspektreiches Nachwort des Zweig-Experten Klemens Renoldner. Klare Vorteile für Reclam.

          Entscheidend aber ist das Kerngeschäft: Textauswahl und -aufarbeitung. Was macht dtv? Man legt ein Exemplar von Alfredo Cahns Erstausgabe zugrunde. Das ist legitim, entspricht der Logik der Buchreihe, verwischt aber die Publikationsgeschichte. Erstausgabe bedeutet in diesem Fall eben nicht „ursprüngliche Textversion“. Klemens Renoldner geht in der Reclam-Ausgabe einen anderen Weg. Er synthetisiert aus den drei heute noch verfügbaren Typoskripten eine synoptische Textgrundlage. Abweichungen zwischen den einzelnen Varianten weist er mit Anmerkungen nach. Die verzwickte Publikationsgeschichte führt er detailgenau auf.

          Genau dort unterläuft dtv ein schwerwiegender Fehler. Da heißt es, das Typoskript für die portugiesische/brasilianische Ausgabe sei bis heute nicht aufgefunden worden. Tatsächlich aber befand es sich jahrelang im Besitz der Zweig-Erbin Alberman in London. Jetzt bewahrt es, wie Gerda Morrissey von der State University of Fredonia bestätigt, die dort ansässige Zweig-Collection auf.

          Ausgerechnet das Cahn-Typoskript indes, das die Basis der dtv-Ausgabe darstellt, blieb bis heute unauffindbar. Es ist also unklar, welche Anmerkungen von Zweig darin vorhanden waren oder was Cahn selbst verändert hat. Das Original des „Originals“ lag dem Herausgeber der dtv-Ausgabe nicht vor, sondern nur ein „Leihabdruck in nummerierter Auflage“ - genauer: „Exemplar Nr.107“ aus der Universitätsbibliothek Augsburg.

          Der Herausgeber gibt zwar korrekt an, um was für ein Exemplar es sich handelt. Doch wie es um das Typoskript steht, auf dem die Erstausgabe beruht, sollte dtv seinen Lesern schon klar vor Augen führen können, bevor sich der Verlag auf das Spielfeld der Schachnovellenoriginale begibt. Das Fazit fällt eindeutig aus: Gelb gewinnt. Zum Endspiel allerdings kommt es erst, wenn sich das vierte Typoskript wiederfindet.

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