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Stefan Moses: Deutschlands Emigranten : Einfühlsamer ist die Suche nach Identität nie gezeigt worden

  • -Aktualisiert am

Bild: Nimbus Verlag

Fragt uns, wir sind die Letzten: Stefan Moses, der große Menschenfotograf, hat in den letzten fünf Jahrzehnten „Deutschlands Emigranten“ fotografiert. Der Band zeigt auch deren Suche nach neuer Identität.

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          Der Mann, der sich im Sommer 1954 mit dem Maler Ludwig Meidner vor dessen Atelier im Taunus an den Tisch mit der karierten Decke gesetzt hatte, ahnte schon damals, dass es irgendwann einmal mit dem Erzählen vorbei sein würde. Dabei lag das Ende des Nationalsozialismus nur neun Jahre zurück, und die Ersten derer, die er aus Deutschland vertrieben hatte, fanden gerade erst die Kraft und das Vertrauen, zurückzukehren. „Wir sind die Letzten“, schrieb der Dichter Hans Sahl, der im Taunus Meidners Erinnerungen ans Exil notiert hatte, zwei Jahrzehnte später in einem Gedicht. „Fragt uns. Wir sind zuständig.“ Vierzig Jahre zuvor hatten auch ihn die Nationalsozialisten ins Exil getrieben. Erst 1989 kehrte er mit seiner Frau endgültig zurück - um sich fragen zu lassen und zu erzählen.

          Der Dritte am Tisch vor dem Atelier in Marxheim hatte ebenfalls früh begriffen, dass noch zu deren Lebzeiten bewahrt werden musste, was Deutsche jenen anderen Menschen angetan hatten, die nach 1933 nicht mehr in ihr Weltbild passten - weil sie Kommunisten oder Juden waren, sozialbewusste Künstler oder Politiker, die sich dem Faschismus entgegengestellt hatten. Schon früh nach Kriegsende hatte Stefan Moses Emigranten getroffen und fotografiert. Manche für seine berühmten konzeptuellen, über Jahrzehnte umgesetzten Fotoserien „Die großen Alten im Wald“ oder „Selbst im Spiegel“. Manche einfach nur, weil sie ihn als Menschen, als Zeitzeugen und als Zeitgenossen interessierten. Und manche wohl auch, weil Moses selbst jüdische Vorfahren hatte.

          Weil sie es wollen und müssen

          In einem Bildband, der eigentlich einen festen Einband verdient hätte, sind nun viele jener Aufnahmen zum ersten Mal vereint, die der große Menschenfotograf Moses in den vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnten von Menschen im Exil gemacht hat. Immer in Schwarzweiß, immer auf die zu seinem Markenzeichen gewordene unaufdringliche Art, immer bestenfalls dezent inszeniert.

          Da schaut die 83 Jahe alte große Schauspielerin Tilla Durieux 1963 wie ein kleines Mädchen zwischen den Ästen eines Baumes im urdeutschen Wald hindurch. Da stehen die großen Philosophen Ernst Bloch, Theodor Adorno und Hans Meyer verunsichert vor einem großen Garderobenspiegel: Stefan Moses hatte ihnen das Auslöserkabel für die Kamera selbst in die Hand gegeben und fotografierte die Geistesgrößen nun seinerseits dabei, wie sie nach einer angemessenen Position suchen. Auf einfühlsamere Weise ist die Suche nach neuer Identität in der alten Heimat nie beschrieben worden. Und da sitzen immer wieder Menschen wie die Dichterin Ilse Aichinger, die Fotografin Ellen Auerbach oder eben der Maler Ludwig Meidner an Tischen und auf Sofas und erzählen und erzählen und erzählen - weil sie es wollen und müssen. Erich Kästner ließ sich dafür mit Katze, Willy Brandt mit seinen Eltern aufnehmen.

          Die Texte, die Christoph Stölzl zu den hervorragend gedruckten Fotos von Stefan Moses geschrieben hat, schießen gelegentlich etwas über ihr Ziel hinaus. So viel Pathos, wie ihm gelegentlich unterläuft, wäre gar nicht nötig gewesen. Die Aufnahmen von Moses werden auch dann noch allein ihre Geschichten erzählen, wenn es die Generation derer, die sie selbst erlebt haben, bald nicht mehr geben wird.

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