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: Stark, stärker, halbstark

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Die Männer fallen im Krieg und im Wirtschaftswunderfrieden, die Frauen schreien, und zwischen Sterben und Schreien leben die Kinder. Georg Schramms Erinnerung beginnt mit dem Schrei der Großmutter, die im Ersten Weltkrieg ihren Mann verlor und jetzt, im Februar 1942, ihren Sohn verliert; sie endet Mitte der fünfziger Jahre mit der Beerdigung ihres zweiten Sohns, Georgs Vater.

          Die Männer fallen im Krieg und im Wirtschaftswunderfrieden, die Frauen schreien, und zwischen Sterben und Schreien leben die Kinder. Georg Schramms Erinnerung beginnt mit dem Schrei der Großmutter, die im Ersten Weltkrieg ihren Mann verlor und jetzt, im Februar 1942, ihren Sohn verliert; sie endet Mitte der fünfziger Jahre mit der Beerdigung ihres zweiten Sohns, Georgs Vater. So wächst der Junge unter Toten, Witwen und Kriegskrüppeln auf. Anfangs sammelt Georg Gefallenenbildchen und ordnet sie im Gebetbuch beim Lied "Wann wir mit dem Tode ringen" ein. Dann kommen die Franzosen, die Flüchtlinge, die Heimkehrer und zuletzt auch, magenkrank und gebrochen, der Vater: "Ein Verlierer. Der Vater kam kleiner aus dem Krieg zurück."

          Fortan heißt das erste Gebot im Hause: "Der Vater darf nicht belastet werden". Magen und Nerven sind zu schwach, als dass man sie mit unnötigen Fragen reizen dürfte. Während seine Kriegskameraden am Stammtisch schon wieder die "Angebergeschichten von Verlierern" erzählen, macht er sich schweigend an den Wiederaufbau. Geschäft, Haus und Familie werden ausgebaut, und sonntags fährt der Vater mit dem Sohne zum Motorradrennen. Der Knabe im Seitenwagen hängt sich weit hinaus in die Kurven, der Fahrer gibt Gas, und "wer bremst, verliert". Am Ende, kurz vor seinem Tod, überlässt der Vater Georg zum ersten Mal das Steuer seines neuen Autos, gerade, als ihnen ein Lastwagen auf der engen Straße entgegenkommt: "Fahr, Georg, fahr!" Der Sohn hat sich nach Jahren scheuer, schonender Liebe endlich das Vertrauen des Vaters verdient und den Führerschein fürs Leben erworben.

          Egon Gramers zweiter Roman beschwört in kurzen Kapiteln Schlaglichter einer Kindheit in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren. Es sind lauter "Stichpunkte des Augenblicks": der Geruch der Holzvergaser, die sieben Affen in der Bimbo-Musikbox, Bikini und Bundesjugendspiele. Pater Leppich, das Maschinengewehr Gottes, predigt vom Opel-Blitz-Lieferwagen herab gegen Atombusen, Nylonhexen und Seelenroboter, die Patres im Jesuiteninternat empfehlen "Ablenken! Abhärten! Arbeiten!" Zu den schlimmsten Verwirrungen des Zöglings gehört die pubertäre Verballhornung geflügelter Worte: "Cogito ergo bumm". Wenn Georg dennoch an Gottes Allmacht und Vaters Schonung zweifelt, so liegt das an Charlie Parker und Chuck Berry. Der brave Beifahrer entdeckt die "Affenmusik" von Rock und Jazz, die Stärke der Halbstarken ("Halbstark war mehr, viel mehr als bloß stark. Stark, stärker, halbstark.") und ermannt sich wie James Dean in "Denn sie wissen nicht, was sie tun": "Sei ein Mann, Vater! Vater, sag die Wahrheit!"

          Als Egon Gramer 2005 mit fast siebzig Jahren als Romanautor debütierte, bekam er zu Recht viel Lob für "Gezeichnet: Franz Klett". Martin Walser, der immer wieder begabte Schüler aus seiner oberschwäbischen Dichterschule entdeckt und durchsetzt, rühmte die Geschichte des unglücklichen Franz Klett, der dazugehört und doch draußen vor der Tür bleibt, als Sprachkunstwerk ersten Ranges. Auch Gramer ist ein begnadeter Heimatkundler, der vom Aussterben oder Vergessen bedrohte Erinnerungen, dörfliches Brauchtum und schöne alte Wörter wie "Ehne" oder "Halbseckel" retten will. Der kühle, genaue Blick und eine kraftvolle, lakonische Sprache heben seine Prosa weit über schwäbische Dorfgeschichten und sentimentale Kindheitserinnerungen hinaus.

          Allerdings tut sich Gramer beim zweiten Roman schwerer als beim ersten. Damals konnte er seine zwiespältigen Erinnerungen an eine Landjugend noch in der Tragödie eines Einzelgängers spiegeln; diesmal dringen sie fast distanzlos und ungeordnet auf ihn ein. Franz Klett, der Schulkamerad, hinterließ ihm seine Aufzeichnungen; bei "Zwischen den Schreien" war Gramer auf sich und eigene Notizen und Vorarbeiten zurückgeworfen. "Man schreibt nicht auf, was man gesehen oder gehört oder erlebt hat", heißt es einmal. "Man schreibt mit tausend Schwingungen den Schlag und die Schläge, die man erhalten hat. Es sind einzelne Einschläge, Punkte in einer Landschaft, Löcher und Krater": Inseln im Ozean der Erinnerung, keine Kontinente.

          - Egon Gramer: "Zwischen den Schreien". Roman . Piper Verlag, München 2007. 295 S., geb., 19,90 [Euro].

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