https://www.faz.net/-gr3-oy1u

: Stammgast Erinnerung

  • Aktualisiert am

Marcus Jensen, Gerhard Henschel, Burkhard Spinnen: alle schreiben derzeit ihren "Kindheitsroman". Der nostalgische Rückblick auf die fetten siebziger und achtziger Jahre, als der deutsche Knabe noch mit Legosteinen und Bonanza-Rädern glücklich und mit Milky Way und Mutters Eintopf satt wurde, scheint in der Literatur allmählich die zornige Abrechnung mit den Vätern abzulösen.

          Marcus Jensen, Gerhard Henschel, Burkhard Spinnen: alle schreiben derzeit ihren "Kindheitsroman". Der nostalgische Rückblick auf die fetten siebziger und achtziger Jahre, als der deutsche Knabe noch mit Legosteinen und Bonanza-Rädern glücklich und mit Milky Way und Mutters Eintopf satt wurde, scheint in der Literatur allmählich die zornige Abrechnung mit den Vätern abzulösen. Die Nennung der Fernsehserien, Spielzeuge und Lieblingsschokoriegel, die erste sexuelle Erfahrungen und bittersüße Adoleszenzkrisen flankierten, ist so etwas wie die gemütliche Variante der archivierenden Popliteratur, eine Archäologie der alten Bundesrepublik, die im nachhinein wie ein Abenteuerspielplatz aussieht.

          "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können": Jean Pauls Wort steht als Motto auch über Arnold Thünkers Romandebüt. "Keiner wird bezahlen" ist auch ein Pubertätsroman, aber kein artig bebildertes Poesie- oder Familienalbum. Wo seine Kollegen mit urbaner Ironie und artistischen Kunststückchen aufwarten, bietet Thünker, auf dem Dorf unter Arbeitern und Bauern aufgewachsen, nur solides Handwerk. Dafür ist sein Gesellenstück halt- und unverwechselbarer. Thünker stellt nicht mit den alten Playmobil-Figuren und dem abgelegten Fummel seine Kindheit nach: Seine Erinnerung ist eher Konstruktion als Rekonstruktion. Sein namenloser Erzähler, vermutlich ein autobiographischer Doppelgänger, ist mit harter Arbeit, Unordnung und frühem Leid groß geworden, und so endet der Roman damit, daß er, der den Abriß so vieler alter Fachwerkhäuser, das Verschwinden ländlicher Bräuche und Sitten sah, als Zimmermannslehrling seinen ersten Dachstuhl errichtet. Erinnerung ist kein Kinderspiel, sondern nur mit so altmodischen Begriffen wie Verpflichtung, Achtsamkeit und Handwerkerehre zu beschreiben.

          Thünkers Held ist, wie Martin Walser, Sohn eines Dorfgastwirts. Kinder stellen sich deren Leben gern als Paradies vor: Es gibt Limonade und Pommes satt, Stammgäste, die den kleinen Wirt wohlwollend tätscheln, Spielkameraden, die ihn um sein Schlaraffenland beneiden. In Thünkers Eifeldorf war das Wirtshaus die Hölle: Schon als Dreikäsehoch muß Mutters Kronprinz, auf einem Fußschemel stehend, Bier zapfen, Gläser spülen, Frikadellen und "Strammen Max" braten, Betrunkene und die Opfer von Kneipenschlägereien versorgen, Schweine füttern und Hühner schlachten; die Theke ist seine Schulbank, der Bierdeckel sein Rechenheft. Der Vater, ein Schnaps und Schweiß ausdünstender Alkoholiker, schlägt Frau und Kinder, ist aber meistens abwesend; die ehrgeizige Mutter will aus ihrem "kleinen Prinzen" einen König und aus ihrem Schnitzellokal einen Kurpalast machen, stirbt aber früh; die älteren Geschwister suchen das Weite. Zurück bleibt das Nesthäkchen, überfordert, verträumt, allein mit seiner Scham, Sehnsucht und Verzweiflung. Einsam drischt der Junggastronom den Ball ans Scheunentor, wütend wirft er in der Kirche Gebetbücher auf den Gekreuzigten, um sich abends wieder von den Stammtischhockern und Skatbrüdern als "kleinster Wirt" hätscheln und hänseln zu lassen und nachts von Fidel Castro oder Brasilien zu träumen.

          Weitere Themen

          Ach, sagte die Kresse

          Martina Wildners Kinderroman : Ach, sagte die Kresse

          Auch zuvor schon hat Martina Wildner nie alle übersinnlichen Rätsel aufgelöst, die sich im Lauf der Erzählung entwickeln: Mit „Dieser verfluchte Baum“ vollendet sie ihre Schauer-Trilogie.

          Topmeldungen

          Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

          In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.

          Schweinefleisch-Debatte : „Da wird eine Rechnung aufgemacht“

          Zwei Leipziger Kitas wollten kein Schweinefleisch mehr anbieten. Migrationsforscher Werner Schiffauer erklärt im Interview, wieso das Thema die Gemüter erregt – und inwiefern solche Beschlüsse kontraproduktiv sein können.
          Macron zählt zu den größten Fans der frisch gewählten deutschen EU-Kommissionspräsidentin.

          Lob von Macron : Das Wunder von der Leyen

          Emmanuel Macron ist der erste ausländische Staatschef, den EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besucht. Und der Präsident gerät abermals ins Schwärmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.