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: Stadtluft macht frei

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"Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren", versprach einmal Ilse Aichinger in "Kleist, Moos, Fasane". Der Germanistikdozent in Niels Brunses Roman "Die erstaunlichen Gerätschaften des Herrn Orffyreus" beginnt an die Echtheit eines Reiseberichts aus dem achtzehnten Jahrhundert zu glauben. Und nach ...

          "Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren", versprach einmal Ilse Aichinger in "Kleist, Moos, Fasane". Der Germanistikdozent in Niels Brunses Roman "Die erstaunlichen Gerätschaften des Herrn Orffyreus" beginnt an die Echtheit eines Reiseberichts aus dem achtzehnten Jahrhundert zu glauben. Und nach wenigen Seiten existiert die geheimnisvolle mecklenburgische Stadt, in die es einen Landadeligen in jener verstaubten Schrift verschlägt, auch in den Köpfen der Brunse-Leser: Ramoth Bezer heißt sie, die nur findet, wer sie von Herzen sucht.

          Im Alten Testament erwähnt, bietet der Ort Schutz und Straffreiheit, wem Richter oder Bluträcher auf der Spur sind. Jeder gleicht hier dem anderen und lebt nach seinem Gewissen, "mit dem Gedanken an seinen nahen Tod". Arbeit und Gemeinschaft bestimmen das philisterhafte, dafür aber risikofreie Restleben. Sterbende siedelt man in einem Stall aus - und lauscht ihnen wie Heiligen die letzten Sätze ab, als wären es Weissagungen. Einen Haken hat die Sache: Wer einmal die Stadtmauern überwunden hat, bleibt für immer dort.

          Ein utopischer Ort? Eher ein Exil - und Brunse verknotet die Zeitreise geschickt mit einem gegenwärtigen Fluchtort: Der Dozent, der diesen Reisebericht übersetzt, lebt wegen einer Phobie selbst wie eingesperrt. Seine Angst und sein Alltag zwischen Gartentor und Schreibtisch bilden den zweiten Strang des Romans. Einen Tod hat er überdies zu verarbeiten - seine Geliebte verunglückte; sie hatte ihm das Manuskript in die Hände gespielt. Zunehmend gefesselt von dieser Schrift, glaubt er darin sogar das Rezept für den Bau eines Perpetuum mobile gefunden zu haben. Dieser erste ins Deutsche übersetzte Roman des dänischen Autors und Übersetzers besticht durch plastische Beschreibungen: Das holzartige Klopfen und leise Ticken der in der Stadt ewig rotierenden Räder hallt noch lange nach; weniger der philologische Krimi, den Brunse daraus strickt.

          Der ist zwar flüssig erzählt und unterhält, wirkt aber trotz origineller Ideen überkonstruiert - soll doch der Phobiker bei der Übersetzungsarbeit, "als ob man ein altes Gemälde reinigt und es sichtbar werden lässt", auch noch seine Phobie, das "Biest", abschütteln; ein anspruchsvolles Projekt, dem Brunse mit dramaturgischem Übereifer nachhelfen muss. Luchterhand legt im Frühjahr bereits nach: "Der Meermann" verspricht eine magische Zeitreise ins England des siebzehnten Jahrhunderts.

          ANJA HIRSCH.

          Niels Brunse: "Die erstaunlichen Gerätschaften des Herrn Orffyreus". Roman. Aus dem Dänischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg. Luchterhand Literaturverlag, München 2007. 320 S., br., 9,- [Euro].

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