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Reportagebuch : Reise ins schwarze Herz des Dschihadismus

Auf ihren vielen Reisen begegnet Journalistin Souad Mekhennet IS-Kämpfern und Ideologen. Bild: AP

Souad Mekhennet hat fast alle Entwicklungsstationen des militanten Islamismus im Nahen Osten journalistisch begleitet. In einem Buch erzählt sie davon.

          An einer Stelle des Buches von Souad Mekhennet hält einer ihrer lokalen Helfer es nicht mehr aus und ruft, das sei ja vollkommen verrückt, wie sie und ihr Reporterkollege mit diesen Kerlen redeten: „Für mich heißen Sie in Zukunft nur noch Team Crazy.“ Mekhennet und ihr Kollege von der „New York Times“ hatten da gerade den Anführer einer Dschihadistenbande in dessen Hauptquartier im Nordlibanon aufgesucht und, eingekreist von schwerbewaffneten Kämpfern, um ein Interview gebeten. Dabei waren es wieder einmal Mekhennets Chuzpe und schlagfertiger Humor gewesen, welche die Gesprächspartner überrumpelten. Der Helfer freilich fürchtete die ganze Zeit über um sein Leben.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Andere Termine verlaufen weniger glimpflich, und mehr als einmal gerät Souad Mekhennet ernstlich in Bedrängnis. Aber wie sollte das auch anders sein, hat die in Deutschland aufgewachsene Reporterin in den vergangenen sechzehn Jahren doch praktisch alle wichtigen Entwicklungsstationen des militanten Islamismus im Nahen Osten journalistisch begleitet. Ihre Texte erschienen unter anderem in der „New York Times“, der „Washington Post“ und auch in dieser Zeitung.

          Von diesen Reisen und Aufträgen erzählt sie in ihrem heute erscheinenden Buch. Wollte man es einer Textsorte zuordnen, so käme wohl am ehesten ein literarisches Subgenre in Betracht: die verschleierte Autobiographie. Denn Mekhennet erzählt in dem Buch de facto ihre Lebensgeschichte, von ihrer Kindheit in Deutschland und Marokko bis ins Jahr 2016. Aufgemacht ist das Buch hingegen als Reportagereise in das schwarze Herz des Dschihadismus. Diese Kombination funktioniert allerdings durchaus, ist in Mekhennets Fall sogar fast zwingend, denn ihre Herkunft und Familiengeschichte spielen immer wieder in ihre Arbeit hinein.

          Es gibt zwei wiederkehrende Leitmotive in Mekhennets Schilderungen: der sich seit etwa 2003 mit zunehmender Gewalt entfaltende Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und die oft widersprüchliche westliche Nahost-Politik, die sich am deutlichsten in dem Debakel des Einmarschs im Irak zeigt. Beide Male ist Souad Mekhennet persönlich beteiligt, beide Male steht sie sozusagen zwischen den Fronten: einmal als Tochter einer schiitischen Türkin und eines sunnitischen Marokkaners und das andere Mal als „Deutsche mit Migrationshintergrund“, wie es inzwischen heißt.

          1993, als Souad Mekhennet fünfzehn Jahre alt war, hieß das „Scheißzigeuner“ – so wurden sie und ihr Bruder damals von Skinheads genannt. Mekhennets Geschichte ist auch die einer Suche nach Anerkennung, sie musste sich immer wieder gegen Vorurteile durchsetzen. „Meine ersten Erfahrungen als Journalistin waren niederschmetternd“, schreibt sie mit Blick auf Diskriminierungserfahrungen, „ich konnte nur allzu gut nachempfinden, warum sich so viele Muslime in Europa ausgegrenzt und unerwünscht fühlten.“

          Dabei war Mekhennet genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 begann die junge Journalistin kurzerhand, auf eigene Faust in Hamburger Islamistenkreisen zu recherchieren. Ihre arabischen Sprachkenntnisse und ihre Herkunft halfen ihr dabei, und so landete sie bald als freie Mitarbeiterin bei der „Washington Post“ – und später mit einem ersten Auftrag im Irak. Dort – und in vielen anderen islamischen Ländern, in die sie in den folgenden Jahren reiste – erlebte Mekhennet hautnah mit, wie das uralte islamische Schisma zwischen Sunniten und Schiiten sich mit aktuellen politischen Machtkämpfen verband. Und stellte fest, wie immer mehr Sunniten ihr mit glühenden Blicken erzählten, dass bald „das Kalifat“ wiederauferstehen werde.

          Anschaulich berichtet sie aus ihren Begegnungen mit Kämpfern und Ideologen; etwa mit dem jordanischen Prediger, für den die Schiiten der Hizbullah die „Truppen des Satans“ sind. Die Recherchen zu den jungen Dschihadisten, die als Selbstmordattentäter losgezogen waren, im jordanischen Zarqa – der Geburtsstadt von Abu Musab al Zarqawi –, sowie die Schilderung eines beinahe übel ausgegangenen Verhörs in einem Gefängnis des ägyptischen Militärgeheimdienstes Anfang 2011 gehören zu den dichtesten und bedrückendsten Kapiteln des Buches. Durchgehend wird jedoch in hohem Tempo erzählt. Das Buch ist dabei handlungsgetrieben, es lebt nicht von der Analyse, sondern davon, dass unablässig etwas passiert: Andauernd, so scheint es, meldet sich einer ihrer immer zahlreicheren Informanten und weist sie auf die nächste große Geschichte hin. Khaled el-Masri, der von der CIA entführte Deutsche, ruft sogar selbst an. Und Mekhennet wirft sich ohne zu zögern in jedes Abenteuer.

          Die Erzählweise des Buches bringt es mit sich, dass die Autorin stets die smarteste, kundigste und mutigste von allen ist. Nebenbei verzaubert sie auch noch den einen oder anderen Dschihadisten und Geheimdienstoffizier – ein Taliban-Kommandeur in Pakistan benennt sogar seine Tochter nach ihr. Dass der Eindruck der Selbstverliebtheit trotzdem nicht entsteht, liegt an den Selbstzweifeln und der Erschöpfung, die Mekhennet immer wieder auch in Worte fasst – neben ihrer Kritik an der Kurzsichtigkeit der westlichen Interventionspolitik. Und an der Härte des Stoffes. Nach Monaten im Irak habe sie „der Geruch von verbranntem Fleisch, der Donner von detonierendem Sprengstoff, das Wehklagen von Männern und Frauen, die nach ihren Angehörigen suchen“, verfolgt, schreibt sie an einer Stelle.

          Das letzte Kapitel zeigt, wie die Berichterstattung über das Attentat im Olympia-Einkaufszentrum in München sich für Souad Mekhennet zum Familiendrama entwickelt. Nicht nur an dieser Stelle wird deutlich, wie nahe der Terrorismus auch den Menschen in Deutschland kommen kann. Und wie wenig sie sich dann von den trauernden Vätern, Müttern, Töchtern und Söhnen im Irak oder in Syrien unterscheiden.

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