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Roman „Liebe in Lourdes“ : Antreten zur Barmherzigkeit

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Auf der Suche nach Spiritualität: Eine Menschenmenge versammelt sich im Heiligen Bezirk von Lourdes um die Marienstatue. Bild: Victor Hedwig

Das Berliner It-Girl auf Pilgerfahrt: In ihrem Roman „Liebe in Lourdes“ ist Sophie von Maltzahn unterwegs mit Pilgern und gibt sich radikal gegenwärtig inmitten der anachronistischen Rituale einer Wallfahrt.

          Massen verzückter Pilger, Devotionalienbuden, eine Basilika mit der Anmutung einer Tiefgarage: Der Overkill an Kitsch und Kult in Lourdes, wo 1858 die heilige Madonna der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous erschienen sein soll, kann auch frömmere Gemüter abstoßen. Trotzdem pilgern alljährlich Millionen in die französischen Pyrenäen, unter ihnen auch traditionsbewusste Verbände wie Soldaten oder Adlige mit großem Gepränge an Uniformen und Fahnen. Sophie von Maltzahn, ehemalige Redakteurin der F.A.Z., heute Journalistin und Bloggerin zu Berlin, ist schon achtmal mit einer Gruppe schwerbehinderter Kinder und überwiegend adligen Betreuern nach Lourdes gefahren. Nach einigen Reportagen hat sie nun auch einen Roman über eine solche Fahrt geschrieben.

          Der Kontrast ist ausgesprochen reizvoll: Eine moderne junge Frau (im Roman heißt sie Kassandra und nennt als Lebensinhalt Vernissagen, Konferenzen, Clubs, Festivals und „ausreichend Liebhaber*innen“) ist hin und weg von den anachronistischen Regeln und Ritualen der Pilgerfahrt. Lourdes ist für das It-Girl aus der hedonistischen Eventkultur mindestens so prickelnd wie Ibiza. Was für die heilige Elisabeth die Eiterbeulen der Aussätzigen, sind für sie die epileptischen Störungen und Hautkrankheiten „ihrer“ Kinder.

          Das Antreten zur Barmherzigkeit, die Liturgie der Umzüge, Gebete und Bäder, die krassen Dresscodes (Häubchen, Barett, Krawatte, Kittelschürze) und Hierarchien: Das alles ist für eine Frau, die ihren letzten Liebhaber gefesselt hat und die Berliner Hipster sowieso längst gefressen hat, wie eine Offenbarung: „Gibt’s das wirklich? Haben Leute Sex in Lourdes? Noch mit der Ordensbinde am Arm? Oder am besten gleich noch mit Kutte und Geißel?“ Weihwasser ist cooler als Parfum, Häubchen und Dutt sind besser als Pink-Strähnen und Piercings, Handkuss und Ave Maria rocken mehr als Berghain und Bushido.

          Katholische Spießer mit Homosexualität schocken

          Dabei kümmert sich Kassandra durchaus hingebungsvoll um Anke, das ihr anvertraute Kind mit den Julia-Roberts-Lippen und Windelgröße M. Die Neununddreißigjährige hätte selbst gern ein Kind, am liebsten per befleckter Empfängnis, wenn auch nicht unbedingt eines dieser bemitleidenswerten „Geschöpfe, denen die Gene, Gott oder sonst ein Mechanismus das Kreuz eines dysfunktionalen Körpers auferlegt hat“. Diese Wortwahl, so haben Betroffene an Sophie von Maltzahns Sprache bemängelt, verrate eine falsche, hochmütige Demut: Kinder wie Anke sind für Kassandra Trophäen heroischer Selbstaufopferung, Objekte der Fürsorge. Sie sucht in Lourdes offensichtlich nicht Gott, sondern weltliche Liebe, Grenzerfahrungen des „mystic overload“, Materialien für eine Reportage – Amor statt Caritas, Party statt Nächstenliebe.

          In Sophie von Maltzahns Roman „Liebe in Lourdes“ ist die junge, moderne Kassandra in Lourdes.

          Kassandra liebt Anke, ihre Berührungen, ihr Vertrauen, ihr dankbares Lächeln. Aber weil sie permanent unterwegs ist, müde oder im Bett mit Oki, einem feschen Adligen aus Österreich, hat sie nicht immer Zeit für „ihr“ Kind. Von ihrem Lourdes-Syndrom kann sie als ungläubige Großstädterin nur im Modus von Ironie und eines neckischen Jungmädchensprechs reden: „Maria, Mutter voll der Gnade – wir kommen!“ Kassandra zitiert Bibelverse und fragt in albernen Fußnoten und inneren „mind streaming“-Monologen: „Was mache ich eigentlich hier?“. Es macht ihr sichtlich Heidenspaß, katholische Spießer mit liberalen Ansichten über Homosexualität oder den Papst zu schockieren und gleichzeitig anzubaggern.

          Für Kassandra ist Lourdes „ganz schön krass“, „vollkommen irre“ und jedenfalls lächerlich antiquiert: Halbwegs aufgeklärte Zeitgenossen und potentielle Liebhaber, die allen Ernstes Sex vor der Ehe ablehnen, den Zölibat verteidigen und sich widerspruchslos den Kommandos von Zugführern und männlichen Saalschwestern („Saalschwesterx“) unterwerfen. Im Zug macht sich die bekennende Gottesleugnerin damit nicht nur Freunde, aber so richtig böse meint sie es ja auch nicht, wie sich bei der Manöverkritik zum Abschied herausstellt.

          Ecstasy statt christlicher Ekstase

          Möglicherweise ist das alles nur eine Satire: Lourdes als Heiratsmarkt für den Hochadel, Tinder für Altgläubige. Aber dafür suhlt sich die Autorin dann doch zu sehr im backfischhaften Kichern, Spötteln und Klatschen ihres Alter Egos. Wichtig für Fanni, Stoffi, Leonie und wie die „Pilgermamis“ alle heißen ist eh nur, woher man Windeln für die Kinder und cremige Concealer für die Augen bekommt, wer beim Einzug den schönsten Mantel und beim Sex den Erbprinzen abkriegt. Tiefer schürfende Fragen bleiben weitgehend ausgeklammert. Zum Beispiel: Woher kommt, woran rührt diese irrwitzige Sehnsucht nach Transzendenz im Alltag?

          Nicht einmal Kassandra kann sich dem Reiz der Veranstaltung entziehen. Die eintönigen Litaneien und Lieder, die paramilitärische Ordnung und das heilige Wasser werden zum „Trigger für ihre Verklärung“. Ihre Brüste beginnen Milch abzusondern, ihre Träume heiligmäßig zu werden, und beim Sonnenwunder übermannt sie dann der Schwindel: „Herr im Himmel, kann der gut küssen. Diese Zunge. So fordernd und gleichzeitig weich.“ Es gibt in „Liebe in Lourdes“ auch hübsche komische Stellen und gut beobachtete reportagehafte Passagen, aber insgesamt wird der Schnodderton der Erzählerin dem Phänomen nicht gerecht. Um es in ethnologischer Distanz zu halten, greift sie immer auf den „typisch urbanen Emotalk“ zurück: „Bin ich jetzt die Auserwählte oder habe ich nur einen Knall?“

          Die Erzählerin redet viel von Wunderheilungen und Ecstasy, aber sie lässt sich selten wirklich auf die Wunder und Ekstasen einer Wallfahrt ein: Prozessionen erinnern sie unweigerlich an Demos und Partys, Glaubenserscheinungen an Drogenerlebnisse und Orgasmen, Beichten an Psychotherapien. So zeigt sich Sophie von Maltzahn als Autorin wie als Ethnologin aristokratischer Barmherzigkeit unverkennbar als ein Kind des 21. Jahrhunderts.

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