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: Sommer, Presto delirando

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Stille spricht. Es gibt keine Stille, die nicht mit Klang geladen ist." Dieses von John Cage entlehnte Motto leitet den neuen Roman von Urs Faes ein, dessen Titel dieses Motto fortschreibt: "Als hätte die Stille Türen". Damit ist das innere Thema des Romans, sein Programm umschrieben: Sublimation ...

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          Stille spricht. Es gibt keine Stille, die nicht mit Klang geladen ist." Dieses von John Cage entlehnte Motto leitet den neuen Roman von Urs Faes ein, dessen Titel dieses Motto fortschreibt: "Als hätte die Stille Türen". Damit ist das innere Thema des Romans, sein Programm umschrieben: Sublimation als psychologischer Prozeß künstlerischer Produktion und deren Dekonstruktion zur Erkenntnis des Sublimierten.

          Dementsprechend baut Faes seinen Roman zweisträngig, wechselnd zwischen fiktionaler Erzählung und reportierter Geschichte: Im einen Strang begegnen einander der Journalist David Rudan und die Sängerin Simone Thalmann - beide beschädigte Menschen, die einander nur zögerlich näherkommen, indem sie sich und den anderen entdecken; im anderen Strang erzählt Faes von der spät entdeckten Liebe Alban Bergs zu der in Prag lebenden Hanna Fuchs-Robertin (der verheirateten Schwester Franz Werfels), die er 1925 kennen- und liebengelernt hatte und die er danach nie wieder erobern sollte. Vierzehn Briefe schrieb er ihr nach ihrer intimen Begegnung: "Denn wisse: ich bin seit diesem größten Ereignis nicht mehr ich. Ich bin ein in stetem Herzklopfen dahintorkelnder Wahnsinniger geworden" - Briefe, auf die sie nie geantwortet hat.

          So zögerlich, wie Faes David und Simone einander näherkommen läßt, so langsam verbindet er die beiden Erzählstränge des Romans. Für David wird, nach einer plötzlichen heftigen Krankheit, der Tod, wird "das eigene Sterben" zum Thema, er besucht eine Tagung zum Thema Sterbebegleitung, "Transitus statt Exitus", begegnet dort Simone - beide, verlegen, äußern sich eher ironisch, distanzierend zu dem, was sie da auf einer solchen Tagung treiben. Dann wird der Erzählknoten geschürzt: David entdeckt einen Aufsatz Simones über den "Tod in der Musik. Am Beispiel des An-der-Liebe-Sterbens von Alban Berg". Und: "Die Briefe von Alban Berg an Hanna Fuchs hatte er in einer Musikzeitschrift gefunden und noch am gleichen Abend gelesen. David Rudan staunte, da hatte einer Ausdauer bewiesen und zehn Jahre lang Briefe an die Umworbene geschrieben, voller Verlangen."

          "Liebe, Du, bitte verzeih, daß ich Dir nun doch schreibe, auf heimlichem Wege." Alle seine Briefe, wie dieser erste Albans an Hanna vom 23. Juli 1925, gingen solche geheimen Wege, wurden von Freunden übergeben, darunter Wiesengrund als einer der ungeschicktesten Übermittler. "Ich bin nicht mehr ich. Ich bin ein Wahnsinniger geworden . . . Mir ist alles, was mich früher bewegte, gleichgültig, unerklärlich, ja verhaßt geworden." Ob Helene Berg, deren Beziehung zu ihrem Mann Alban von Adorno einst als die eines "hohen Paares" gefeiert wurde, je von dieser Beziehung wußte? Öffentlich wurde sie jedenfalls erst nach Helene Bergs Tod, in den siebziger Jahren.

          Damit hat David, der nach seiner Krankheit "wieder zu meinen Sätzen finden" will, sein Thema gefunden: "etwas Biographisches würde ihm gewiß liegen, hoffe er, eine Mann-Frau-Geschichte", erzählt er Simone - und fortan läßt Faes seinen Helden das Verhältnis von Alban Berg und Hanna Fuchs erkunden und zugleich beharrlich um Simone werben.

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