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: So trostlos war die DDR

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Die in der Edition Büchergilde erscheinende "Verschwiegene Bibliothek" ist ein Versuch der Wiedergutmachung an Autoren, denen die DDR besonders übel mitgespielt und beinahe jede Veröffentlichung unmöglich gemacht hatte. Die Wiedergutmachung ist an eine Bedingung geknüpft: Die Texte - fünf sind es ...

          Die in der Edition Büchergilde erscheinende "Verschwiegene Bibliothek" ist ein Versuch der Wiedergutmachung an Autoren, denen die DDR besonders übel mitgespielt und beinahe jede Veröffentlichung unmöglich gemacht hatte. Die Wiedergutmachung ist an eine Bedingung geknüpft: Die Texte - fünf sind es bisher - müssen eine poetische Kraft besitzen, durch die sie auch heute noch bestehen.

          Eine der großen Gefahren bei der Beurteilung von Kunst unter den Bedingungen einer Diktatur liegt darin, daß alles Kritische schon als qualitätvoll gilt, es aber beileibe nicht ist. Heidemarie Härtls Erzählung "Puppe im Sommer" besteht diesen Test auf atemberaubende Weise. Nur der Titel ist verändert. Frau Härtl hatte ihre Erzählung "ohne aber" überschrieben. "Puppe im Sommer" ist besser. Zwei Haupthelden treiben durch den Alltag der späten DDR. Christian Gerber ist Invalide, weil schwer an Asthma erkrankt. Sonja Schumann hat gerade abgetrieben. Das Kind war, wie sie allerdings erst nach und nach erfährt, von einem Zuträger der Staatssicherheit gezeugt. Sonja will ihr Leben ändern. Auf einem Zettel hat sie notiert, was dafür zu tun ist. Weit kommt sie nicht. Die DDR hat überall ihre Grenzen. Gerber hat solche Gedanken längst aufgegeben. Am Schluß begegnen sich beide, weil sie auf derselben Arbeitsstelle gestrandet sind.

          Optimisten mögen darin eine Hoffnung sehen, weil diese Liebe an sich schon Widerstand wäre. Realisten sehen auch das anders. Über Gerber heißt es: "Er tat nichts. Er bekam immer recht, einfach, indem er nichts tat." Das ist die trostlose Wahrheit der ostdeutschen Diktatur, erzählt in zwei Sätzen. Auch eine Ich-Erzählerin tritt hier auf: "Ich will in Relevanz leben. Begegnungen ohne Liebe sind für mich irrelevant." Damit hebt der Text an. Man wagt wohl nicht zuviel, wenn man darin auch die Autorin selbst hört.

          "Puppe im Sommer" ist ein dichter, fulminant geschriebener Text. Er wirkt für sich. Aber er wird noch wirkungsvoller, wenn man das leider etwas geschwätzige Nachwort der Herausgeberin Ines Geipel liest, das über die Autorin berichtet. Heidemarie Härtl stammte aus einer linientreuen Familie, ihr Vater war Offizier. Sie studierte am Literaturinstitut in Leipzig und lernte dort Gert Neumann kennen, einen Sohn der zwar durch ihre freie Lebensweise, nicht aber durch ihre Literatur aufgefallenen Neubrandenburger Schriftstellerin Margarethe Neumann. Härtl und Neumann wurden von der Hochschule verwiesen, heirateten und lebten schließlich in Leipziger Abrißhäusern eine schwierige Künstlerexistenz.

          Die Überwachung durch die Staatssicherheit war umfassend, bis hin zur "Einleitung von Sonderentleerungen" des Briefkastens. Zu den subtilen Zersetzungsmethoden gehörte auch, das Paar auf eine Lesereise in die Bundesrepublik zu schicken. Dort zerbrach die Ehe dann, die Partner kehrten, auf jeweils unterschiedlichen Wegen, in die DDR zurück.

          Heidemarie Härtl, wie wachgerüttelt durch diese Erfahrung, schrieb "ohne aber". Sie tat dies ohne die geringste Chance auf eine Veröffentlichung. Denn es kam dann der Untergang der DDR. Frau Härtl vertrat in diesem Zusammenhang sehr linke Positionen. Sie wurde die Geliebte von Ibrahim Böhme, dem zeitweiligen Ost-Star der SPD, der bald als Zuträger der Staatssicherheit entlarvt und vernichtet war. Heidemarie Härtl landete in der Psychiatrie. 1993 starb sie an Krebs, fünfzig Jahre alt. Ihr Buch schlägt man am Ende mit zitternden Händen zu und wird es so schnell nicht vergessen.

          FRANK PERGANDE

          Heidemarie Härtl: "Puppe im Sommer". Die verschwiegene Bibliothek. Herausgegeben von Ines Geipel und Joachim Walther. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2006. 150 S., 16,90 [Euro].

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