https://www.faz.net/-gr3-tpjx

: So sinnlich ist die Pfalz

  • Aktualisiert am

"Man schrieb den 12. Dezember 1918. Der Haupttrupp der nach dem Waffenstillstand von Compiègne für Koblenz bestimmten amerikanischen Besatzungsarmee rückte in die Stadt ein. ,Nun haben wir vier Jahre immer gesiegt, und jetzt kommt die fremde Besatzung', sagte Susanne. Niemand antwortete ihr. Susanne beherrschte die Familie.

          "Man schrieb den 12. Dezember 1918. Der Haupttrupp der nach dem Waffenstillstand von Compiègne für Koblenz bestimmten amerikanischen Besatzungsarmee rückte in die Stadt ein. ,Nun haben wir vier Jahre immer gesiegt, und jetzt kommt die fremde Besatzung', sagte Susanne. Niemand antwortete ihr. Susanne beherrschte die Familie. Sie war klug, klug und oft sehr anmaßend. In der Fabrik war sie die beiden letzten Jahre vor dem Krieg die rechte Hand ihres Vaters gewesen."

          In diesem Ausschnitt aus Joseph Breitbachs Roman "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf" steckt schon der Zündstoff für die Reibungen innerhalb der Familie, den Streit über die Zukunft der Fabrik für Militäreffekten, für Susannes innere Auflehnung gegen die Besatzungsmacht wie die neue republikanische Ordnung Deutschlands und für ihre eigensinnigen erotisch-sexuellen Neigungen - aber doch auch für ihren Wandlungsprozeß. Der Roman erschien 1932 in Deutschland, wurde 1933 verboten, erlebte aber in Paris, nach Breitbachs endgültiger Entscheidung für Frankreich, eine glänzende Wiedergeburt.

          Die Familie des 1903 in Koblenz Geborenen stammte mütterlicherseits aus Tirol, väterlicherseits aus Lothringen, Breitbach beherrschte die deutsche wie die französische Sprache und schloß sich früh dem Kreis um die "Nouvelle Revue Française" an, hatte André Gide, Jacques Rivière, Jan Schlumberger und Julien Green zu Freunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er einer der ersten Anwälte deutsch-französischer Versöhnung. Das Vermögen, das er in Frankreich mit einer untrüglichen Witterung für die Börse ansammelte, floß nach seinem Willen - er starb 1980 - in eine Stiftung, die seit 1998 den hierzulande höchstdotierten (dreigeteilten) Literaturpreis verleiht. So ist Breitbach zum Wohltäter deutschsprachiger Literatur geworden - auch das ein Grund, den Schriftsteller mit einer Werkausgabe zu ehren.

          Die ersten beiden Bände liegen jetzt vor. Daß neben dem Roman eine Auswahl von Briefen an den Freund aus der Schulzeit, den Maler Alexander Mohr, die Reihe eröffnet, ist gerechtfertigt, weil die Briefe wie auch andere Papiere erst wieder Ende der fünfziger Jahre aus Moskauer Archiven, wohin sie mit Transporten der Roten Armee gelangt waren, auftauchten, über Potsdam ins Marbacher Literaturarchiv wanderten und nun zum erstenmal vorgestellt werden. Innerhalb der Erzählprosa, sieht man sie im Zusammenhang der deutsch-französischen Geschichte, verdient "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf" sicherlich das meiste Interesse.

          Zeitlich bewegt sich die Handlung im engen Rahmen zwischen dem Einmarsch der amerikanischen Verbände in Koblenz, Mitte Dezember 1918, und der Nichtratifizierung des Versailler Vertrags vom Juni 1920 durch die Vereinigten Staaten. Dieses Korsett eines guten Jahres, mit der Zuspitzung der Besatzungsbedingungen, dann aber der Aufhebung des Verkehrsverbots zwischen Amerikanern und Deutschen, ballt eine Fülle von Ereignissen. Zur rasanten Szenenfolge steigert sich die Handlung bei der nächtlichen Flucht auf dem Motorboot "Nixe", mit dem Susanne die Eltern in die neutrale Zone von Königswinter bringt. Die politisch-sozialen und zwischenmenschlichen Spannungen geben der Handlung eine starke Dynamik. Das Gefälle zwischen Oberschicht und dem "Proletariat", das sich heute als "Unterschicht" wieder ins Gespräch bringt, gewinnt exemplarische Umrisse auf dem Besitz der Dasseldorfs, im Gegensatz zwischen der Fabrikanten- und der Gärtnerfamilie, deren ältester Sohn als verurteilter "Roter" beim Kieler Matrosenaufstand befreit worden ist. Die Feindseligkeit, mit der Nationalstolz der amerikanischen Besatzung entgegentrat, spitzt sich in der Villa im schroffen Auftreten Susannes gegen den einquartierten, ständig um Ausgleich bemühten Major Cather zu, der amerikanischer Vertreter der in Koblenz ansässigen Interalliierten Rheinlandkommission wird.

          Weitere Themen

          Rettet die Nische!

          Bücher-Krise in Brasilien : Rettet die Nische!

          Viele brasilianische Verlage und Buchhandlungen sehen sich durch rückläufige Leserzahlen in ihrer Existenz bedroht. Ist damit der freie Austausch von Ideen in Gefahr, den das Land so sehr benötigt?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.