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Karen Duves Roman über „Sisi“ : „Ein Leben, ohne begehrt zu werden, hat keinen Reiz“

1863 fotografierte Ludwig Angerer Kaiserin Elisabeth zu Pferd im Damensattel. Bild: Interfoto

Schon wieder Neues über die österreichische Kaiserin: Karen Duve hat einen Roman über Sisi und ihr Leben am Wiener Hof geschrieben. Leben wir in einer Sisi-Dekade?

          5 Min.

          Wie auf ein geheimes Zeichen hin häufen sich seit fast einem Jahr die fiktionalen Neubelebungen der einstigen Kaiserin von Österreich-Ungarn, Elisabeth, genannt Sisi. Neue Serien, neue Kinofilme, neue Bücher, ein paar sind schon erschienen, andere kommen noch, die jüngste Adaption ist „Sisi“ von Karen Duve. Seltsam, diese konzertierte Aktion, denn es steht ja nicht mal ein rundes Jubiläum an, das sie erklären würde. Sisis 185. Geburtstag am 24. Dezember kann es ja kaum sein.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Oder geht es doch um ihren 125. Todestag im September 2023? Dann wären aber einige Fiktionalisierungen – wie die sexuell explizite „Sisi“ aus der RTL-Serie mit Dominique Devenport beispielsweise – zwei Jahre zu früh gekommen. Und derartig verfrüht feiert man selbst die Todestage beliebter historischer Figuren nicht. Oder ist es wie damals bei der „Luther-Dekade“, die 2008 ausgerufen wurde und 2017 endete? Leben wir in der Sisi-Dekade?

          Serien, Filme, Romane, Nachschlagewerke, ein neues Kochbuch natürlich auch: Je nachdem welche dieser Adaptionen man nimmt, scheint das mit der Sisi-Dekade aber doch zu passen – im Sinne der instagrammability einer Frau, die angeblich die schönste der Welt gewesen sein soll. Die über ihr Image Kontrolle und Macht ausübte, aber ein komplexes Verhältnis zu ihrer eigenen Prominenz hatte.

          Das geheime Zeichen, auf das hin sich viele der neuen Adaptionen orientieren, könnte aber auch der Hashtag #MeToo sein – als Synonym für das gesteigerte Bewusstsein einer Gesellschaft, in der Frauen immer noch in Rollen gezwängt, auf ihren Körper reduziert, an ihrer Entfaltung gehindert und missbraucht werden. #MeToo hatte ja auch zu einer Überprüfung historischer fiktionaler Stoffe und Klassiker geführt.

          Undenkbar, je wieder Sisi wie „Sissi“ zu inszenieren

          Sisi so traulich und goldig wie damals in den Filmen mit Romy Schneider zu inszenieren, als Friedensengel und tierliebe Gattin und Mutter – das ist undenkbar geworden. Die Geschichte der Kaiserin, wie Ernst Marischkas Trilogie sie erfunden hat für die harmoniebedürftige Nachkriegsgeneration, das war schon Ende der Fünfzigerjahre grob verzerrend gewesen. Romy Schneiders eigene, schwierige Emanzipationsgeschichte aus dieser verklärten „Sisi“-Rolle heraus hatte das schon miterzählt.

          Karen Duve, „Sisi“. Roman. Galiani Verlag, 416 Seiten, 26 Euro.
          Karen Duve, „Sisi“. Roman. Galiani Verlag, 416 Seiten, 26 Euro. : Bild: Galiani

          Die Schriftstellerin Karen Duve hat jetzt einen Roman über die nicht mehr ganz so junge Kaiserin Sisi geschrieben. Und ihre Geschichte kompiliert aus historischen Zeugnissen, Briefen, Zeitungsberichten. Vor allem das Tagebuch der Hofdame Marie Gräfin Festetics hat Duve genutzt, um aus dem ganzen Material einen Text zu formen, an dessen Sound man sich aber erst einmal gewöhnen muss, bis man das Konstruktionsprinzip von „Sisi“ verstanden hat. Und die verschiedenen Ebenen des Textes auseinanderhalten kann.

          Manchmal hört man die Erzählstimme Duves sofort heraus, etwa wenn sie damit Szenen aus dem Hofleben komisch abmoderiert. Oft aber wechselt der Ton von Satz zu Satz, von Lakonie zu dieser treuseligen Innigkeit, die auch schon Marischka bedient hat. In dieser direkten Konfrontation aber wird der Ton plötzlich hohl. Was entsteht, ist eine Distanz zur Kaiserin, dringend benötigt, um klarer sehen zu können auf den Mythos.

          Sisi ist ja nun auch tatsächlich lange genug heiß und innig genug angeschmachtet worden, nicht nur zu Lebzeiten; eine Anbetung und Verehrung, die Duves Roman weniger mitfeiert als dokumentiert. Duve betrachtet diese Sisi interessiert, vielleicht auch fasziniert, aber tendenziell ungerührt. Eigentlich, so hat die Autorin es selbst im Gespräch erzählt, hatte sie ja auch gar kein Buch über die Kaiserin, sondern über Pferde schreiben wollen. Und dann kam „Sisi“ dabei heraus.

          Ein Roman, in dem es tatsächlich oft, sehr, sehr oft, um Pferde geht. Und ums Reiten. In denen die Regeln, Abläufe und Rituale der englischen Fuchsjagd exakt beschrieben werden und sogar die Terminologie erklärt wird. Nach der Lektüre dieses Buchs dürfte sich das Fachvokabular für den Reitsport und das Pferdewesen unfreiwillig verdoppelt haben. Wussten Sie, was es bedeutet, eine Kutsche à la Daumont zu fahren? (Es gibt keinen Kutscher, auf den linken Pferden sitzen livrierte Grooms.) Und wussten Sie, was livrierte Grooms sind?

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