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Neue Bücher von Siri Hustvedt : Ein Porträt der Künstlerin als junge Frau

Die amerikanische Autorin Siri Hustvedt 2014 in Mainz. Bild: Frank Röth

Es scheint, als ob Siri Hustvedt einfach alles wüsste. Jetzt hat die Amerikanerin neue Essays veröffentlicht – und einen neuen Roman: „Damals“.

          Was hat es zu bedeuten, wenn die Schriftstellerin des Romans, um den es hier geht, die Initialen mit denen eines berühmten Detektivs teilt, der gleichzeitig der Spitzname einer ihrer Erfindungen ist, und darüber hinaus mit einem Begriff, in dem sie unzählige Figuren aus unzähligen anderen Romanen zusammenfasst? S.H. – wie Siri Hustvedt, wie Sherlock Holmes, wie der Standard-Held, der manchmal auch USH ist, unser Standard-Held?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zunächst bedeutet es, dass es einiges zu lachen gibt in diesem Buch. Dass Identitäten fließend gehalten werden, dabei aber ausdrücklich zu unterscheiden bleibt zwischen Autorin, Erzählerin und Figur (auch wenn sie alle denselben Namen tragen) und dass von einem üblichen Erinnerungsbuch, wie es der deutsche Titel „Damals“ vermuten lässt, nicht die Rede sein kann. Der Originaltitel ist präziser: „Memories of the Future“ (Erinnerungen an die Zukunft) heißt er, und ungefähr darum geht es, wenn das, worum es in diesem Buch geht, überhaupt in einem einzigen Satz dingfest zu machen wäre.

          Lachhafte Annahmen über die Natur der Frau

          Die junge Frau, die 1978 in Manhattan ankommt, auf der Suche nach dem Helden ihres ersten Romans (der Ian heißt, Arthur Conan Doyles S.H. nacheifert und kein anderer Standard-Held werden soll), aber auch auf der Suche nach Abenteuer (und nicht nach Bequemlichkeit oder Glück), diese Dreiundzwanzigjährige wusste, dass sie zu einem Ort unterwegs war, „der nicht viel mehr war als eine schimmernde Fiktion: die Zukunft“.

          Siri Hustvedt: „Damals“. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt, 448 Seiten, 24 Euro

          Was im Ton so vieler Memoiren beginnt, setzt sich fort in mehreren Erzählungen anderer Art. Da ist einmal die Frau in ihren Sechzigern, die dieses Buch schreibt, während ihre 94-jährige Mutter langsam das Gedächtnis verliert. Beim Umzug der Mutter aus ihrem Haus in ein Heimzimmer findet die Autorin ein altes Notizbuch: ihre eigenen Aufzeichnungen aus jenem Jahr 1978/79, in dem sie nach New York kam, auf der Suche nach ihrem Romanhelden und Abenteuern. Angesprochen wird darin die „liebe Seite“ und aufgeschrieben, was am Tag passierte, in der Stimme der jungen Frau, aus der fünfzig Jahre später jene Siri Hustvedt geworden ist, die dieses Buch schreibt. Zitiert wird auch der Roman um Ian und Isadora, an dem sie damals arbeitete, eine Detektivgeschichte und gleichzeitig eine Geschichte über erstes sexuelles Begehren und das Teenagerleben in einer amerikanischen Kleinstadt wie jener, in der Hustvedt aufgewachsen ist. Das klingt dann so: „Im Haus der Simons waren die sprichwörtlichen ,Hosen‘, an die er so inbrünstig glaubte, von ihrem rechtmäßigen, wenn auch behinderten Eigentümer weggewandert und hatten sich am Unterkörper einer Person eingefunden, die nicht befugt war, sie zu tragen – Frau Simon nämlich.“

          Schon in dieser Geschichte klingt Siri Hustvedts Interesse am Verhältnis der Geschlechter an, an Rollenzuweisungen, Rollenklischees, lachhaften Annahmen über die Natur der Frau oder wenigstens ihr Wesen, und der beißende Sarkasmus, mit dem sie die Sache angeht, ist auch schon da.

          Außerdem tauchen in dem Notizbuch kleine Zeichnungen auf, Cartoons, von denen einer auf den Buchumschlag von „Damals“ gewandert ist: eine nackte Frau, die mit ausgebreiteten Armen hoch am Himmel schwebt, hinter sich das Empire State Building und in der einen Hand ein Messer, das sie wie eine Fackel trägt, das Gesicht dem Wind entgegengestreckt, ihr Haar nach hinten verweht. Das Messer spielt eine entscheidende Rolle in diesem Buch, und es hat einen Namen: „die Baroness“.

          Baroness Von Freytag-Loringhoven 1915 beim Posieren als Modell.

          Auch mit der Baroness hat es natürlich eine besondere Bewandtnis. Sie entwickelt sich zu einer Art Schutzheiligen der jungen Frau, im Geiste zumindest, und es hat sie wirklich gegeben. Es handelt sich um die Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Künstlerin als Urpunk, als „Ihr-könnt-mich-mal-Aufrührerin, die mit Vogelkäfigen auf dem Kopf und Scheinwerfern auf den Hüften posierte und Gedichte schrieb wie Heulen und Rülpsen, das tief aus dem Zwerchfell kam“. Aber in New York gab es keine Spur von ihr, obwohl sie doch diejenige war, die Marcel Duchamp einst das signierte Urinal schickte, das später „Fountain“ genannt und eines seiner vermeintlich berühmtesten Readymades wurde. Siri Hustvedt schreibt die Geschichte der Baroness, die ihren Kopf rasierte und rot lackierte, in ihre eigene Geschichte ein, gerade so, als wäre sie Zeitgenossin und nicht seit fünfzig Jahren tot.

          Wenn sich Erzählung und Erinnerung verknoten

          Siri Hustvedt erzählt von unterschiedlichen Orten und Zeiten aus. Von „heute“ und „damals“ und aus Zwischenzeiten, es gibt Spiegelungen der Kindheit in anderen Erzählungen, die sich mit der, die wir als autobiographische Erinnerung lesen können, verknoten. Die junge Frau, die wie Siri Hustvedt aus Minnesota nach New York kommt und deshalb von ihren Freunden Minnesota genannt wird, bezieht ein ärmliches Apartment an der Upper West Side in der Nähe der Columbia University. Sie ist zunächst allein, so dass die Geräusche, die aus der Nachbarwohnung zu ihr dringen, zu einer Obsession werden.

          Es sind nicht einfach störende Signale in einem hellhörigen Haus, vielmehr haftet ihnen etwas Dramatisches an. Eine Frau jammert „bin tau bin tau“, was Minnesota bald als „bin traurig“ entschlüsselt. Die Nachbarin, Lucy, singt das lange hintereinander und immer wieder. Diesem Mantra fügt sie schließlich Bruchstücke einer Geschichte um den Tod ihrer Tochter hinzu, der möglicherweise ein Unfall, ein Selbstmord oder auch ein Mord war. Auf jeden Fall kreisen die im Singsang geäußerten Erzählfetzen Lucys um einen gewalttätigen Mann, der inzwischen fort ist. Je länger Minnesota, bald mit einem Stethoskop ausgerüstet, belauscht, was in der Nachbarwohnung vor sich geht, desto umfangreicher wird Lucys Geschichte. Unerwartet schiebt sich sozusagen von der Seite eine neue Figur mit einer eigenen Geschichte in die Erzählung hinein, die ganz anders begann. Weitere Frauen treten auf, ein Hexenkreis, wie sich herausstellt, von Frauen mit spirituellen Fähigkeiten.

          Siri Hustvedt: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen: Essays über Kunst, Geschlecht und Geist“. Rowohlt, 528 Seiten, 26 Euro

          Gleichzeitig wird Minnesota Teil einer Clique von Freunden, der Fünferbande, von der vor allem zwei wichtig werden, Whitney und Fanny. Und es wird eine „Bücherschlacht“ geschlagen, mit Jonathan Swift und einer Menge anderer Dichterinnen, Wissenschaftlerinnen und Gelehrter. Hustvedt hat, wie Minnesota, weite Landschaften des Denkens durchmessen und Gebirge von Irrtümern überstiegen, um dort anzukommen, wo sie „ich“ sagt und „ich“ meint und dieses Ich dennoch von der Erzählerin zu unterscheiden vermag, die der Leserin am Ende dieses Buchs „den Schlüssel“ übergibt. Den Schlüssel wozu? Wohin führt die Tür, die das Schloss verschließt, zu der dieser Schlüssel passt? In dem alten Detektivromanfragment führt sie zum betrunkenen Vater von Isadora, der im Keller schläft, während draußen ein Schneesturm tobt. Doch könnte dieser Schlüssel nicht auch ein Messer sein, wie jenes, das Minnesota „die Baroness“ getauft hat und das die nackte Figur auf dem Titel in den Himmel reckt?

          Ein Beil, das auf die Leserin niederfährt

          „Damals“ jedenfalls könnte den Untertitel des dicken Essaybands „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ tragen, der gleichzeitig erschienen ist: „Über Kunst, Geschlecht und Geist“. Man kann die beiden Bücher parallel lesen. Auszugsweise sollte man das vielleicht auch tun: hin und her springen von einem Essay über Freud und Hustvedts eigene Psychoanalyse („Im Raum“), von Fragen der Übertragung und Gegenübertragung und was sie mit dem Schreiben zu tun haben, zurück zu Minnesota. Siri Hustvedt als Essayistin, Wissenschaftlerin und Romanautorin gleichzeitig zu lesen macht sie allerdings tatsächlich momenthaft zu der „Riesin“, die Minnesota werden wollte, als sie in der New York Public Library saß und sich „den Kopf mit der Weisheit und Kunst aller Epochen füllte“, wie es in „Damals“ heißt. Eine Riesin, die einen langen Schatten auf die Leserin wirft.

          „Enduring Ornament“ von Elsa von Freytag-Loringhoven, 1913.

          Hätte die deutsche Ausgabe der Essays nicht den Mittelteil des Originals weggelassen (dieser Teil ist unter dem Titel „Die Illusion der Gewissheit“ in Deutschland schon im vergangenen Jahr erschienen), wäre aus dem Schatten ein Beil geworden, das auf die Leserin niederfährt und sie erschlagen zurückließe.

          Inhalt und Form, Gefühl und Vernunft, Körper und Seele, Mann und Frau – das sind beengende Gegenüberstellungen und Abgrenzungen, denen Siri Hustvedt sowohl in der Kunst wie auch in ihrem Nachdenken über sie (etwa am Beispiel der Frauendarstellungen von Picasso, Beckmann und de Kooning, um die es in dem Titelessay dieser Sammlung geht) widerstehen will. Und denen sie sich in „Damals“ erzählerisch zu entziehen sucht, etwa indem sie den Frauen Eigenschaften gibt, die zumindest damals noch „männlich“ konnotiert waren, und indem sie die Grenzen der Vernunft ins Spirituelle weitet, ohne einem Hokuspokus aufzusitzen. Die Welt von Minnesota aber bleibt eine, in der ein kluger Einwurf der jungen Frau vom Tischnachbarn mit herablassendem Nicken und dem Satz kommentiert wird: „Komisches Mädchen“.

          Lässt sich Gleichzeitigkeit erzählen?

          „Damals“ mit seinen verschiedenen Erzählsträngen und -ebenen ist eine Reflexion nicht nur über Frauen in einer Männerwelt, sondern vor allem über die Zeit und über das Schreiben. Ironisch, witzig, komplex, tiefgründig und manchmal erstaunlich flach, analytisch, liebevoll, zum Heulen, in essayistischen Passagen oft auch zu lang. Mit einer Beinahe-Vergewaltigung, die sich im zweiten Teil des Buchs als Schlüsselszene erweist, aber literarisch ohne Raffinement eingebaut wirkt. Mit ein paar Verweisen zu viel auf andere Bücher, auf umfassende Bildung, auf die Bibliotheken des Wissens und die Weiden der Erkenntnis, die Hustvedt sich erlesen und abgegrast hat.

          Siri Hustvedt umkreist in ihrem erzählenden Nachdenken über die Zeit auch die Frage, was es mit dem Jetzt auf sich hat, das so ganz anders ist als die Vergangenheit oder ein Morgen, „dieses Jetzt, das Einstein so beunruhigte“. Lässt sich Gleichzeitigkeit erzählen? Eine historische Figur wie die Baroness in die Gegenwart holen? Braucht es dafür die Literatur, oder brächte auch die Physik das fertig? Oder die Hexen?

          Die Zukunft jedenfalls ist nicht nur die Zeit, die vor der 23-jährigen Minnesota liegt, sondern auch der Raum, der durchmessen werden will, um an der Position anzukommen, von der aus Siri Hustvedt heute über sie schreibt. Deren Erinnerungen wiederum flottieren durch die Zeiten und können sich unter Umständen sekundenhaft in ein wahres, ein jetziges Gefühl verwandeln, „in ein wildes, rohes, gefährliches Glücksgefühl“, wie sie es in einer bestimmten Situation damals empfunden haben mag.

          Die Zeichen sind überall

          Womit Hustvedt bei der Frage landet, was Zeit eigentlich ist? Zeit, die sie sich „ohne räumliche Metaphern“ nicht vorstellen kann, „nicht ohne Rückwärts und Vorwärts“, obwohl es in Minkowskis vierdimensionaler Raumzeit möglich sein müsste, dass sie ihrem früheren Selbst begegnet, dass sie eine Gleichzeitigkeit herstellen könnte zwischen den unterschiedlichen Personen, die sie im Laufe ihres Lebens gewesen ist und auf die sie von heute aus schaut. So wie ihre Mutter zwar das Gedächtnis verliert, sich aber den Augenblick, indem sie Siri zum ersten Mal in ihrem Bauch spürte, unmittelbar vergegenwärtigen kann.

          Siri Hustvedt hat dieses Buch nicht aus der Position der allwissenden Erzählerin geschrieben. Aber eine allwissende Autorin ist sie schon. Auf Seite 425 schreibt sie nämlich, was diese Kritikerin hier hätte schreiben wollen und was in fast denselben Worten in ihren Notizen stand, geschrieben lange bevor sie Seite 425 erreicht hatte, sie las: „Dieses Buch ist ein Porträt der Künstlerin als junge Frau, der Künstlerin, die nach New York kam, um zu leben, zu leiden und ihren Kriminalroman zu schreiben. Wie der Meisterdetektiv, der ihre Initialen teilt, S.H., sieht, hört und riecht die Schriftstellerin die Hinweise. Die Zeichen sind überall – in Gesichtern, am Himmel, in Büchern. Ein Brief wird unter einer Tür durchgeschoben. Ein Messer kommt mit der Post. Geräusche von Schritten hallen auf der Straße und im Eingang. Sie dreht den Schlüssel im Schloss.“ Die Tür, die sie öffnet, führt ins Reich der Gleichzeitigkeit von Wissen, Erlebtem, Erlesenem und Gefühl. Ins Reich der Fiktion also, das aus Erinnerungen gebaut ist.

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