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Siegfried Lenz: Landesbühne : Ende einer Sonderfahrt

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Bild: Verlag

Gefängnisse gehören zu den geläufigen Handlungsorten in den Werken von Siegfried Lenz. Diesmal taucht er in seiner Verwechslungskomödie „Landesbühne“ wieder auf.

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          Gefängnisse gehören zu den geläufigen Handlungsorten in den Werken von Siegfried Lenz. Sein berühmtester Roman „Deutschstunde“ spielt in einer „Besserungsanstalt“ für kriminelle Jugendliche, wo der Bilderdieb Siggi Jepsen zur Strafarbeit eingeschlossen wird; einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“ soll er verfassen. „Deutschstunde“ gehört in eine noch zu schreibende Literaturgeschichte des Gefängnisses, die viele große Romane jener Epoche zu behandeln hätte: „Lolita“, „Stiller“, „Blechtrommel“ – allesamt fiktive Beichten hinter Gittern. Vermutlich riefen die tektonischen Verschiebungen der gesellschaftlichen Moral damals nach solchen Szenarien.

          Mit Heiterkeit erinnert sich der Lenz-Leser auch an „Lehmanns Erzählungen“, einen launigen Bericht von der Herrlichkeit des Schwarzmarkts, an dessen Ende Lehmann in einem schäbigen Untersuchungsgefängnis landet. Auch hier herrschen eher belletristische Haftbedingungen. Dank vorzüglicher Verbindungen kann der Schwarzhändler die Anstalt verschönern und aufwerten, so dass der glückliche Direktor seinem Mäzen eine besondere Auszeichnung anbietet: „Ehreninsasse auf Lebenszeit“.

          Schrullige Komik

          Solche leicht schrullige Komik kehrt nun in „Landesbühne“ wieder. Es beginnt im „festen Haus“ von Isenbüttel. Als Ich-Erzähler figuriert ein zu vier Jahren verurteilter Germanistikprofessor, bei dem es für hübsche, aber lernschwache Studentinnen prima Examen gegen Liebe gab. Er teilt sich die Zelle mit dem schläfrigen, aber philosophisch veranlagten Strafzettelbetrüger Hannes, der mit einer unberechtigt geschwenkten Polizeikelle eingeschüchterte Verkehrsteilnehmer abkassierte. Auch ein Heiratsschwindler und ein bestechlicher Schiedsrichter gehören zum Kreis der Insassen.

          Kultur wird im Isenbütteler Gefängnis, geleitet vom noblen Direktor Tauber, großgeschrieben: Die „Landesbühne“ hat sich angekündigt. Sie führt eine Komödie über zwei liebenswürdige alte Schachteln auf, die ein Karton-Labyrinth besitzen, in dem sie unliebsame Zeitgenossen zum Verschwinden bringen können. Verschwunden sind bald auch Hannes und seine Freunde: Die Pause der Vorstellung nutzen sie, um im Tourbus der Theatertruppe die Biege zu machen. Anstatt aber möglichst schnell Land zu gewinnen, bleiben die Ausreißer schon im Nachbarkaff Grünau hängen, wo gerade das traditionelle Nelkenfest gefeiert wird. Die „Spaßmacher von der Landesbühne“ sind da hochwillkommen – passend zur Häftlingskluft bilden die Herren spontan einen Gefängnischor und machen Eindruck mit Volksliedern wie „Ein Jäger aus Kurpfalz“ und „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“.

          So habt Ihr gelebt

          Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. „Wir können es nicht hoch genug schätzen, dass sich die Kultur hierher verirrt hat“, meint der Bürgermeister euphorisch. Die Grünauer Weiblichkeit nimmt sich der Gäste an, für den Professor erklärt sich die füllig-gutmütige Hedwig zuständig, und angesichts des herzlichen Empfangs denken die Ersten schon daran, sich in Grünau eine Zukunft zu schaffen. Hannes plant ein Heimatmuseum („Kommt her und lasst euch zeigen! So habt ihr gelebt!“); den Professor hat er ins Auge gefasst für eine in Grünau erst zu gründende Volkshochschule.

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