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: Sie seufzen, Madame?

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Wolfgang Schlüter verrät in "Anmut und Gnade" größte Kenntnis der französischen Opernwelt des 18. Jahrhunderts. Aber auf den Seiten des Romans gelten andere Gesetze als auf den Bühnen der Opernhäuser. Dieser sonderbare Roman beginnt mit einem Flugzeugabsturz im wolkenlosen Firmament und endet mit dem Anblick der goldenen Himmelspforte.

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          Wolfgang Schlüter verrät in "Anmut und Gnade" größte Kenntnis der französischen Opernwelt des 18. Jahrhunderts. Aber auf den Seiten des Romans gelten andere Gesetze als auf den Bühnen der Opernhäuser. Dieser sonderbare Roman beginnt mit einem Flugzeugabsturz im wolkenlosen Firmament und endet mit dem Anblick der goldenen Himmelspforte. Katastrophaler Absturz und Apotheose: das ist ein Spannungsbogen, wie ihn die große Oper liebt und braucht, um ihre Wirkungen erzielen zu können. Wer als Erzähler seine Effekte in derart großem Stil im Geiste der Überwältigungsästhetik zu inszenieren sucht, gibt sich schon damit als ein Freund der Oper zu erkennen. Wir sind hier aber nicht in der Oper, sondern in einem Roman, und da herrschen andere Gattungsprinzipien.

          Wolfgang Schlüter hat seinen Roman "Anmut und Gnade" in einen Prolog, pardon: "Prologue" und in vier Entrées gegliedert. Das ist die Form der Opéra-ballet, der in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in Paris sich durchsetzenden Ballettoper, in der das Unterhaltungsbedürfnis der Zeit Entspannung suchte von den Anstrengungen der Tragédie lyrique in der Tradition Lullys. Die Opéra-ballet hatte keine durchgehende Handlung; im Prolog wurde in mythologischem Rahmen ein Thema vorgegeben, das dann in den Entrées in dramaturgisch unkomplizierten Einaktern durchgespielt wurde. Sie handelten an unterschiedlichen Orten und wiesen keine Überschneidungen im Personal auf: eine lockere Form, die reichlich Raum gewährte für die immer neue Entfaltung szenischer Effekte und die Einspielung zahlreicher Tanzeinlagen. Die schönsten Werke des Genres hat Jean-Philippe Rameau geschaffen: "Les Indes galantes" (1735) und "Les Fêtes d'Hébé" (1739).

          Diese auf die Zerstreuungsbedürfnisse eines ohnehin schon zerstreuten Publikums dramaturgisch genau abgestimmten Werke waren außerordentlich erfolgreich; "Les Indes galantes" wurde von 1735 bis 1773 nicht weniger als dreihundertzwanzigmal in Paris gegeben. Aber mit dem Sieg der italienischen Oper auch in Frankreich nach Rameaus Tod (1764) und mit dem Untergang seines Publikums in der Französischen Revolution gelangten diese Werke für Jahrhunderte in Vergessenheit. Dem heutigen Opernpublikum sind sie trotz all ihrer musikalischen Herrlichkeiten aufgrund ihres dramaturgisch heiklen Revuecharakters nur schwer vermittelbar.

          Schlüters Roman erzählt von den Proben und der Aufnahme von "Les Indes galantes" durch das Alte Musik-Ensemble "Les Encyclopédistes" unter der Leitung seines ebenso gelehrten wie wortmächtigen Dirigenten Christoph Erlmayr, den Schlüter so genau nach dem Leben zeichnet, dass jeder Leser in ihm Nikolaus Harnoncourt erkennen kann, nein: soll. Dann folgt die Premiere des sorgsam einstudierten Werks in der Bastille-Oper. Das Ganze spielt im Juli 2003, als die Unruhen in den Banlieues Paris erschüttern. Am Ende ist die CD im Kasten und die Premiere höchst erfolgreich, wenngleich begleitet von den üblichen Irritationen durch das moderne Regietheater, über die Bühne gegangen. Das ist die gesamte Handlung, und sie wird nicht interessanter dadurch, dass der Autor sie aus der Perspektive des für die Öffentlichkeitsarbeit des Ensembles zuständigen Walter Mardtner erzählt: "Ich hatte in Gießen Betriebswirtschaft studiert, mir autodidaktisch ein bisschen das Partiturlesen beigebracht - und das wars denn schon." Das war's tatsächlich; blasser als dieses kann kein Erzähler-Ich sein.

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