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: Sich aneinander berauschen

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Wenn diese Liebesgeschichte mit dem Tod enden würde, hätte sie fast auf den Tag genau drei Jahre gedauert, vom 17. April 1987 bis zum 14. April 1990. Aber es gibt Liebesgeschichten, die mit dem Tod nicht vorüber sind, sondern im Gegenteil immer noch weiter wachsen. Dann werden sie überlebensgroß ...

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          Wenn diese Liebesgeschichte mit dem Tod enden würde, hätte sie fast auf den Tag genau drei Jahre gedauert, vom 17. April 1987 bis zum 14. April 1990. Aber es gibt Liebesgeschichten, die mit dem Tod nicht vorüber sind, sondern im Gegenteil immer noch weiter wachsen. Dann werden sie überlebensgroß und legen sich auf das Leben des Zurückbleibenden wie Efeu einen abgestorbenen Baumstamm überwuchert. Eine solche Liebesgeschichte über den Tod hinaus schildert Katja Lange-Müller in ihrem Roman "Böse Schafe". So drastisch und trostlos, so angefüllt mit Suff und Fixerelend ist in der deutschen Literatur lange nicht mehr von der Liebe erzählt worden - und auch nicht mit solch zart-schnoddriger Intensität.

          Es beginnt mit einer Zufallsbekanntschaft auf der Straße, der eine Einladung in die Kneipe folgt und wenig später das erste gemeinsame Abendessen in ihrer kleinen Wohnung in Moabit. Irgendwann im Lauf der Nacht war sie betrunken eingeschlafen, und als sie am nächsten Morgen erwacht, sieht sie ihn auf der Matratze liegen: "Das Kinn war dir auf die Brust gesunken, deine Lippen gaben deine gar nicht spitze, sondern seltsame breite, lappenschlappe Zungenspitze frei. Und nicht nur dein Mund stand halb offen, auch deine Lider; die von ihnen kaum verborgenen Augäpfel waren nach oben gerollt, jedenfalls so verdreht, dass nur das Weisse mich anstarrte."

          Kein romantischer Anblick, aber so endet Sojas erste Nacht mit Harry. Von nun an nimmt die Liebesgeschichte ihren Lauf, denn von jenem Sonntag an sollte Harry Sojas Leben nicht mehr verlassen. An dieser frühen Stelle des Romans hat Katja Lange-Müller noch nicht viel über ihre Figuren verraten, und noch können wir nicht ahnen, woran uns Harrys Haltung und seine verdrehten Augäpfel später unweigerlich erinnern würden: Es ist die Ikone des toten Junkies.

          Denn Harry ist ein Fixer, der nur noch zwei Ziele im Leben hat: Er muss den Drogenkonsum sichern und darf darüber nicht wieder im Gefängnis landen. Aber davon ahnt noch Soja nichts, und es dauert lange, bis sie merkt, mit wem sie sich eingelassen hat. Als sie von Harrys Drogensucht erfährt, ist sie dem wortkargen Mann bereits mit Haut und Haar verfallen und spannt sogar ihren Freundeskreis für Harrys Resozialisierungsprogramm ein. Kein Zweifel, Harry ist nicht nur der Mann, der Soja gefehlt hatte, er ist die Aufgabe, die sie brauchte, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Deshalb hält sie an dieser amour fou fest bis über den Tod hinaus.

          Mit Ende dreißig streunt Soja, die von ihrer Mutter, einer hohen SED-Funktionärin, nach der "von den deutschen Faschisten hingerichteten Partisanin Soja Kosmodemjanskaja" genannt wurde, durch Berlin, hangelt sich von Zufallsbekanntschaft zu Zufallsbekanntschaft, eher verdutzt als verbittert registriert sie, dass "Westmänner" sich für ihre Reize eher wenig empfänglich zeigen. Ein knappes Jahr zuvor hatte sie die DDR verlassen, nun lebt sie im Westberlin der Vorwendezeit, als "Exzoni" und "Ostfrau", die langsam begreift, dass sie sich gar nicht so sehr von den anderen Bewohnern der Stadt unterscheidet, weil auch die anderen "vor etwas geflohen waren, ja, dass all die hierher abgehauenen Nord-, Süd-, West- und Ostdeutschen samt den Türken, Italienern, Griechen, Chinesen, Franzosen, Amerikanern . . . etwa die Häfte der Bevölkerung jenes Teils der Stadt stellten, in dem ich nicht geboren wurde".

          Mit solchen Einschüben und Reflexionen deutet Katja Lange-Müller an, dass "Böse Schafe" auch ein Buch über die deutsch-deutsche Vergangenheit sein soll. Selten erschien das Berlin der unmittelbaren Vorwendezeit so klein, kaputt und reizlos wie in diesem Buch, eine Insel der Unseligen, in der Soja sich mehr schlecht als recht eingerichtet hat. Die ehemalige Setzerin verkauft aushilfsweise Blumen an der S-Bahn-Station, beklaut vorsichtig und mit Maß ihren Chef, gönnt sich gelegentlich ein heißes Bad in der Wohnung eines bayerischen Westentaschen-Revoluzzers und balanciert eigentlich am Rand des Abgrunds entlang, gleichviel, ob sie nüchtern oder mal wieder sturzbetrunken ist. Harry fixt, Soja säuft: Das macht die Sache auf verdrehte Weise einfacher.

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