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Lewitscharoffs Roman „Von oben“ : Im Himmel über Berlin

  • -Aktualisiert am

Sibylle Lewitscharoffs Hauptfigur praktiziert in „Von oben“ metaphysisches Kabarett. Bild: dpa

In ihrem neuen Roman „Von oben“ erteilt Sibylle Lewitscharoff einem dampfplaudernden Geist das Wort. Dieser schwebt über Berlin, während er sich über Gott und die Welt auslässt – alles nur, um erlöst zu werden?

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          Dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat, die nach dem Hirntod in höhere Regionen entschwebt – man muss das Biologiebuch schon sehr entschieden zuklappen, um an dergleichen noch zu glauben. In der Literatur aber ist das Leben nach dem Tod nach wie vor ein ergiebiges Motiv, denn im Reich des gut Erfundenen herrschen andere Gesetze. Seelenlose Körper (Zombies) oder körperlose Seelen (Geister) beleben viele Geschichten.

          Sibylle Lewitscharoff hat es mit den körperlosen Seelen. In ihren Werken wird immer wieder zur Geisterstunde geläutet. Im Roman „Consummatus“ wurde ein Gymnasiallehrer in seinem Stammcafé umflattert von prominenten Verstorbenen, die unermüdlich auf ihn einwisperten, darunter Jim Morrison und Andy Warhol. Zuletzt erlebte im Roman „Das Pfingstwunder“ ein Kongress von Dante-Forschern seine überraschende Himmelfahrt. Schon klar, Lewitscharoff hält nicht viel vom platten Realismuseifer in der Literatur. Die Kraft eines Textes komme aus anderen Regionen.

          Ein wandelnder Unruhiger über Berlin

          In anderen Regionen befindet sich nun auch der Held ihres neuen Romans. Er ist gestorben, aber doch nicht völlig. Als „Seelenmotte“ schwebt er willenlos über dem „Berliner Stadtfladen“, irrt umher zwischen Leben und Tod. Viele Erinnerungen sind weg, Namen erloschen, selbst an den eigenen kann er sich nicht erinnern. Durch offene Balkontüren dringt er in Wohnungen ein, bevorzugt in den westlichen Innenstadtbezirken. Offenbar zieht ihn etwas dorthin, was mit seinem früheren Leben zu tun hat. Er spioniert bei alten Freunden, wo er nicht nur erfreuliche Einblicke erhält, aber auch bei Menschen, die er vermutlich nie gekannt hat. Als bloßer Beobachter, zur Passivität verdammt, schaut er auf die unheilvollen Lebensverstrickungen und das Leiden der Menschen. Und fühlt sich ziemlich porös dabei.

          Sibylle Lewitscharoff: "Von Oben". Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019.

          Die stärkeren Episoden dieses Romans ergeben so einen Reigen der Verzweifelten, Scheiternden und Geschundenen. Ein junger Mann wird zu Tode geprügelt, ohne dass man erfahren würde, warum. Ein Mädchen sucht den Tod und springt vom Dach. Ein Paar verbeißt sich im rituell gewordenen Streit. Manche Kapitel tendieren auch zur Komödie: Da verirrt sich der Geist in einen Psycho-Workshop, in dem Frauen ein kollektives „Lachtraining“ absolvieren, und in ein riesiges Sado-Maso-Studio, wo es „Frühbucherrabatt“ gibt.

          Auch einen Abstecher in die Wohnung der Bundeskanzlerin unternimmt er; sie liest gerade am Küchentisch Akten. „Wurde ich hergeführt, weil sie Anteil an meinem Leben hatte?“ Eher wohl, weil Lewitscharoff ein wenig über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin räsonieren möchte, ohne dem Thema indes eine neue Wendung geben zu können. In einer der Wohnungen, in der der Geist zu Gast ist, laufen im Fernsehen gerade die Bilder der Kavanaugh-Anhörung im amerikanischen Justizausschuss. Ganze fünf Seiten schwadroniert er daraufhin, wenig originell, über die „bigotten“ Amerikaner.

          In einer anderen Wohnung läuft das Lied „Across the Border“ von Bruce Springsteen, worauf der Songtext im Roman vollständig abgedruckt wird, weil er „so gut zur aktuellen Lage unter Trump passt“. Versucht die Autorin mit solchen politischen Exkursen nach ihrer angefeindeten Dresdener Rede vor fünf Jahren wieder in den Bereich wohlwollend akzeptierter Meinungen zurückzukehren? Für solche mäßigen Kommentarspalten das Leben nach dem Tod zu bemühen erscheint allerdings ein bisschen albern.

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