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Barbettas Roman „Nachtleuchten“ : Aufruhr haben wir genug

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Einfallsreichtum, Fabulierlust und Sprachspielartistik: Die Buchautorin María Cecilia Barbetta. Bild: dpa

María Cecilia Barbettas Roman „Nachtleuchten“ erzählt vom Leben in Argentinien zwischen Peronismus und Militärputsch. Unter einer Oberfläche von Artistik und Schabernack entstehen höchst subtile und raffinierte Bezüge.

          Die Wallfahrtskirche von Luján, westlich von Buenos Aires, beherbergt eine Marienfigur, die als Schutzherrin und Nationalpatronin Argentiniens gilt. Der Legende zufolge wurde sie 1630 ebendort aufgestellt, als Lasttiere auf wundersame Weise den Weitertransport verweigerten. María Cecilia Barbetta verfolgt in ihrem neuen Roman nun die aparte Idee, dass eine fluoreszierende und damit zum Nach- und „Nachtleuchten“ taugliche Plastikreplik dieser Madonna zu einer Integrationsfigur sozialer und politischer Bewegungen in den für Argentinien so brisanten siebziger Jahren werden konnte. Statt in Luján tritt die erleuchtende Statuette im Vorort Ballester in Erscheinung und entfaltet, wöchentlich von Haushalt zu Haushalt getragen, fast magische Kräfte. An ihrer Seite spähen wir Leser so in alle möglichen Gesellschaftsschichten und Lebenssphären. Wir erleben mit, welche „Gedankensplitter und kaleidoskopische Einsprengsel“ sich daran entzünden und zum Leuchten gebracht werden, bis die Figur nach mehr als fünfhundert Seiten versehentlich von einer Ladefläche kippt und zerschellt.

          In dem heute mit Buenos Aires zu einem Stadtviertel verschmolzenen Ballester kennt Barbetta fast jeden Winkel. Denn dort ist sie aufgewachsen, bevor sie mit 24 Jahren nach Berlin kam und auf Deutsch zu schreiben begann. Schon ihr erster Roman, „Änderungsschneiderei Los Milagros“, aus dem Jahr 2008 fand viel Beachtung und errang sogleich Auszeichnungen. „Nachtleuchten“ ist jetzt für den Deutschen Buchpreis nominiert, nachdem ein Auszug bereits 2017 den Alfred-Döblin-Preis erhielt. Gemessen an Einfallsreichtum, überbordender Fabulierlust und Sprachspielartistik, ist das mehr als verständlich. Die Lektüre ist aber keine Kleinigkeit, das riesige Personal ist ohne Handskizze kaum zu bändigen, ungezählte Individualgeschichten und Exkurse fügen sich zu einem Gesellschaftspanorama auf einer Simultanbühne. Die politischen Hintergründe sind nur als Kulisse angedeutet, die lediglich in wenigen der hundert kurzen Kapitel etwas ausbuchstabiert werden.

          Raffiniertes Spiel mit Worten

          Arithmetik ist Barbettas Strukturprinzip. Auf drei Teile mit jeweils 33 Abschnitten folgt ein Epilog, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in „Die vierte Dimension“ aufhebt und ein magisches Quadrat mit der Zahl hundert entwirft. Schon im ersten Romanteil „Bloody Mary“, in dem die Arzttochter und Klosterinternatsschülerin Teresa Gianelli mit der Plastikmadonna von Ballester loszieht, um eine Theologie der Befreiung anzustoßen, erweist sich ein magisches Quadrat als poetische Blaupause: als „eine Art Spielbrett, auf dem Menschen wie du und ich zusammentreffen, meist durch Zufall und ohne Notiz voneinander zu nehmen“, bis sich in einem magischen Augenblick die gleiche horizontale, vertikale und diagonale Summe – hier die 33 – ergibt.

          Wie Figuren auf diesem Romanspielbrett arrangiert werden, so geschieht es auch mit Buchstaben: Auf einem Blechschild liest man beispielsweise „IMMER FREI“ mit lädiertem Z; die Autowerkstatt „AUTOPIA“, Treffpunkt des zweiten Romanteils, wird in 24 Komposita durchgerüttelt; aus Filmprominenz leiten sich eine „BAR TOLUCCI“ und eine Reinigung „CLEAN EASTWOOD“ ab; die Kneipe ABRAKADABRA ergibt im spiritistischen dritten Teil in elf Zeilen um je einen Buchstaben reduziert ein magisches Dreieck, dessen rechter Schenkel wiederum die Zauberformel zeigt. Mit nicht ermüdender Ausgelassenheit und graphischem Raffinement wird in diesem Roman mit Worten, Anagrammen und Typographien gespielt.

          María Cecilia Barbetta: „Nachtleuchten“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 521 S., geb., 24,– Euro.

          Unter der Oberfläche von Artistik und Schabernack entstehen aber nach und nach höchst subtile und raffinierte Bezüge. Barbetta versucht sich damit – wenngleich an „Tristram Shandy“ oder Dada geschult – nicht nur demonstrativ von konventionellen Erzähltraditionen abzusetzen, sondern ihre politische Botschaft kunstvoll zu verpacken. Im ersten, sehr katholisch gehaltenen Romanteil wollen Anhänger des argentinischen Befreiungstheologen Carlos Mugica und der kirchlichen Erneuerungsbewegung „aggiornamento“ an die seit je radikalste Revolution von Jesus Christus anknüpfen, dessen Lebenszeit von 33 Jahren zur Zahlenmagie beiträgt. Figuren wie Sœur Maria, eine auf dem Moped durch die Straßen preschende Nonne, sorgen dafür, dass es dabei nicht zu ernst und andächtig zugeht.

          Das Atmosphärische dominiert

          Im zweiten und stärksten Teil rund um die Utopiezentrale Autopia des Automobilisten Julio El Haddad und den Friseursalon „Ewige Schönheit“ von Celio Rachello wird es zunehmend politisch. Hier zeichnet sich die Rückkehr des 1955 gestürzten und exkommunizierten argentinischen Präsidenten Juan Perón aus dem spanischen Exil im Juni 1973 und dessen baldige Wiederwahl ab. Sein Tod am 1. Juli 1974 und die Nachfolge durch die Witwe Isabel Martínez de Perón, die 1976 wiederum aus dem Amt geputscht wurde, gelangen als Pressemeldungen in den Roman. Die Schreckensherrschaft der anschließenden Militärjunta und ihrer geheimen Todesschwadronen „Triple A“ – der „Argentinischen Antikommunistischen Allianz“ – und deren Verflechtung mit der italienischen Loge „Propaganda Due“ werden im dritten Teil zwar erwähnt, aber nicht wirklich vertieft.

          Das Atmosphärische dominiert stets über das Historische, bei den Lesern wird vieles einfach vorausgesetzt. Wenn der Jaguarfahrer Patricio Viamonte Rey sich in einer der lustigsten Szenen des Romans den jungen Autopia-Schrauber Saberio zur Brust nimmt, weil dieser Patricios Frau deutlich mehr als Fahrstunden gegeben hatte, dann klingen seine Drohungen so sportlich wie Klöterjahns freundschaftliche Unterredung mit dem kläglichen Dichter Detlev Spinell in Thomas Manns „Tristan“. Wer würde wegen einer Petitesse wie Verführung der eigenen Frau durch einen Schwächling schon laut werden? Patricio bedarf nur des Winks, beim nächsten Auftrag auch unter das Auto zu schauen: „Aufruhr haben wir genug in diesem Land. Einen verkappten Jesus mit Knarre an jeder Ecke, lauter geklaute Wagen.“ Da muss man eben mit allem rechnen.

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