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Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren : Die Taube innig saß auf Habichts Brust

Bild: Unionsverlag

Liebe und Literatur unter den Augen des Zensors: Der iranische Schriftsteller Shahriar Mandanipur zeichnet ein raffiniert-böses Sittenbild der islamischen Diktatur.

          4 Min.

          Das Teheraner Ministerium für Kultur und islamische Führung besitzt einen eigenen Kinosaal mit bequemen Sesseln und modernster Technik. Hier halten die Beamten, die darüber zu entscheiden haben, welche Filme das Volk sehen darf und welche nicht, ihre bizarren Sitzungen ab. Erbittert streiten sie über die Grenzen des Erlaubten, über Anspielungen, Subtexte und die ungeschriebenen Gesetze ihrer Zensurbehörde, die es der iranischen Verfassung nach gar nicht geben dürfte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In einer der brillantesten Szenen seines Romans lässt Shahriar Mandanipur die Zensurbeamten einen Hollywood-Film mit Al Pacino begutachten. Die Funktionen sind klar verteilt: Es gibt den Tugendwächter, dem jeder Quadratzentimenter nackter Haut und jeder Tropfen Alkohol zuwider ist, den Beauftragten für antiamerikanische Angelegenheiten und den auf verlorenem Posten kämpfenden Filmexperten, einen ästhetisch argumentierenden Kinoenthusiasten. Sie alle dürfen reden und streiten, aber die Entscheidungen trifft allein Herr X., der oberste Zensor. Herr X. ist blind.

          Der blinde Zensor

          Deshalb müssen ihm seine Mitarbeiter jede einzelne Filmszene detailliert beschreiben. Naturgemäß widersprechen sich die Experten unablässig, jeder sieht etwas anderes, das er zudem anders interpretiert als seine Kollegen. Am Ende wirft der blinde Zensor alle hinaus, um sich den Film noch einmal allein vorspielen zu lassen. Er heißt „Der Duft der Frauen“, und Al Pacino spielt darin einen verbitterten blinden Kriegsveteranen, der seinen Selbstmord geplant hatte, aber dann in einer hollywoodtypischen Vater-Sohn-Geschichte aufrecht und würdig ins Leben zurückfindet. Ein Blinder schaut einem Blinden auf der Kinoleinwand zu und belehrt seine sehenden Kollegen über das eigentliche Thema des Films: „Es geht darin um die Kunst des Sehens. Die Kunst, Dinge zu sehen, die hinter dem stecken, was man sieht und doch nicht sieht.“

          Die Szene ist nur eine der vielen Varianten, mit denen Shahriar Mandanipur das zentrale Thema seines Romans „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ umkreist. Eigentlich will der Autor eine moderne iranische Romanze schreiben, einmal, so hat er sich vorgenommen, ein Buch ohne Tragik und Düsternis.

          Aber wie soll eine Liebesgeschichte aussehen in einem Land, in dem jede voreheliche Begegnung der Geschlechter, jedes zärtliche Wort, jeder Blick, noch die kleinste zufällige Berührung verboten ist? Die Tugendwächter haben alles unter Generalverdacht gestellt: Nicht einmal auf offener Straße dürfen junge Paare sich zeigen, und nicht einmal im eigenen Elternhaus sind sie sicher vor den Sittenbütteln der Revolution. Was aber in der Realität verboten ist, darf auch in der Fiktion nicht sein. Darüber wacht der Zensor.

          Porträt einer Generation

          Mandanipur erzählt die Liebesgeschichte von Sara und Dara deshalb auf zwei Ebenen: Neben der Handlung samt den von der Zensur beanstandeten Sätzen und Passagen, die im Buch durchgestrichen sind, nehmen die Reflexionen des Autors immer mehr Raum in Anspruch. Hier erzählt Mandanipur zunächst von seinen strategischen Überlegungen gegenüber der Zensurbehörde und verwickelt den Leser zunehmend in ein Zwiegespräch: In zahllosen Exkursen werden so die Verhältnisse im Land erklärt und historische Entwicklungen und Zusammenhänge verdeutlicht. Zugleich entsteht das Porträt einer Generation. Aber es ist nicht das von Sara und Dara, die ihre Namen aus einer längst verbotenen Schulfibel haben, sondern jenes der heutigen iranischen Intellektuellen zwischen fünfzig und sechzig, die in ihrer Jugend die Revolution herbeigesehnt haben und nun seit vielen Jahren schon vor den Trümmern ihrer Träume, ihres Landes und oft genug ihrer eigenen Existenz stehen.

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