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Serhij Zhadan: Hymne der demokratischen Jugend : Kulturraum? Es gibt nur deinen Fernseher!

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Hier beginnt der Tag noch mit einer Schusswunde: Der junge Ukrainer Serhij Zhadan treibt die Osteuropa-Klischees auf die Spitze und erzählt von den Glückssuchern der Gegenwart.

          Es gibt in der Wirklichkeit kaum literarischere Figuren als solche, die mit absurden und dreisten Geschäftsideen ihr Glück versuchen. Manche erinnern sich vielleicht an eine ständig wiederkehrende Kleinanzeige in der Fernsehzeitschrift „Prisma“: Der sogenannte Tina-Versand bot dort in den ausgehenden siebziger Jahren eine Brille an, die es angeblich ermöglichte, durch die Kleidung angezogener Menschen hindurchzusehen. Wie sollte das gehen? Die Brille, die nach Zahlungseingang tatsächlich verschickt wurde, hatte Gläser, deren Innenseiten mit kleinen Bildern nackter Frauen beklebt waren. Betrug!

          Bei Kleinunternehmern, die so etwas erfinden, paaren sich Phantasie und kriminelle Energie. Seit Jahren schon berichtet der Journalist Helmut Höge von Projektmachern, deren Geschichten klingen, als seien sie erfunden; der Schriftsteller Bernd Cailloux hat am Beispiel eines selbstgebastelten Stroboskops von der Kommerzialisierung der Achtundsechziger erzählt, während Ingo Niermann die „Minusvisionen“ findiger Berliner in der Nachwendezeit protokollierte. Dies nur zur Widerlegung des Klischees, halsbrecherische Geschäftemacher und Kleingauner gebe es heute vor allem dort, wo der Kapitalismus noch jung ist, also im Osteuropa der rasant beschleunigten Nachwendezeit. So ist Serhij Zhadan, dieser 1974 geborene ukrainische Autor, nicht nur als Ost-Schriftsteller relevant. Er schöpft das Personal aus der beschriebenen Typologie und ist nun, in deutscher Übersetzung, gleich mit zwei neuen Titeln präsent.

          Hunde im Weltall

          Charkiw ist eine Millionenstadt im Osten der Ukraine, berühmt für ihre Maschinenbauindustrie und ihre Universitäten. Hier lebt Zhadan, schreibt Lyrik und Prosa und singt in der Ska-Band „Sobaki w kosmose“ (Hunde im Weltall). Hier spielen auch die sechs Episoden seiner „Hymne der demokratischen Jugend“, deren Protagonisten versuchen, mit „angeborenem slawischen Leichtsinn und genauso angeborenen kriminellen Neigungen“ ihr hartes Leben zu meistern. Ob es sich um einen Parkplatz handelt, auf dem geklaute Autos aus Russland in Ersatzteile zerlegt und an BMW-Filialen in der Stadt verkauft werden, um eine als Klub für Jugendinitiativen eingetragene Schwulenkneipe mit dem irreführenden Namen „Butterbrot-Bar“ oder um den abenteuerlichen Dreh eines Pornofilms, der vom italienischen Fernsehen zur Bekämpfung der Prostitution in der Ukraine in Auftrag gegeben wird – im Schatten des Traktorenwerks suchen Zhadans Helden nach dem Glück und lassen dabei nichts unversucht.

          Zum Beispiel Zhorik, der seit seinem Unfall im städtischen Krematorium als Heizer arbeitet. Eigentlich hatte er Akkordeon an der Musikfachschule studiert. Doch nach einem Konzert war er so betrunken, dass er vom Pferd fiel und sich den Mittelfinger brach. Zhorik bringt die berüchtigten „Oschwanz-Brüder“, Grischa und Sawa, auf die Idee, ein privates Beerdigungsunternehmen zu gründen, das den „Gesamtkomplex ritueller Dienstleistungen“ anbietet: „Krematorium, Klageweiber, Grabstein“. Dabei unterstützt sie ein Pfarrer mit Handy-Flatrate und kirschrotem BMW, aber auch die Verwandtschaft wird eingespannt. Und so reist Neffe Iwan, Soziologiestudent im sechsten Semester, nach Budapest, um das Projekt des „House of the Dead“ auf einer Konferenz über Ökumene vorzustellen, wo ihn eine missglückte Power-Point-Präsentation in Teufels Küche bringt. Auf dieser Odyssee begegnet Iwan unerschütterlichen Kaderkommunisten, betrunkenen Diplomaten und schließlich – im Liegewagenabteil eines Güterbahnhofs am Asowschen Meer – der leidenschaftlichen Eva. Doch was herrlich komisch beginnt, endet mit einem Tritt in die Magengrube und schließlich in tiefer Melancholie: „Jeder Versuch, in diesem Leben etwas Dauerhaftes aufzubauen, ist im Voraus zum Scheitern verurteilt, es ist, als ob du etwas im schnell fließenden Wasser bauen würdest – das Wasser spült dein Baumaterial fort und übergeht dich kalt und gleichgültig“, heißt es am Ende des Buches.

          Sätze wie Salven

          Zhadans Sprache ist lyrisch, reich an farbigen Bildern und Metaphern: Dass seine Sätze auch im Deutschen so schnell hervorschießen wie die Munition aus den abgesägten Startpistolen seiner Helden, ist den Übersetzern Juri Durkot und Sabine Stöhr zu verdanken. Draufgängerisch und bauernschlau suchen Zhadans Außenseiter ihren Platz in der Welt der Businesspläne und Firmenphilosophien. Grischa, Sawa, San Sanytsch, Vika und die anderen begegnen dem Berechenbarkeitswahn des Kapitalismus mit Schicksalsgläubigkeit.

          Zhadan weiß, dass das nach billigen Klischees von osteuropäischen Improvisationskünstlern klingt. Er sucht deshalb die Flucht nach vorn, treibt die Stereotypen auf die Spitze und spiegelt sie so zurück. Es gäbe, schreibt er in dem anderen, gerade erschienenen Band „Die Selbstmordrate bei Clowns“, im Ukrainischen zwar keinen Ausdruck für „soziale Probleme“, dafür aber den Begriff „geistige Wiedergeburt“. In diesen Erzählungen und Feuilletons lernt man viel über die Ukraine, der Fotograf Jacek Dziaczkowski hat Schwarzweißbilder aus Lemberg im Jahr der Orangenen Revolution beigesteuert.

          Freiheit für die Piraten

          Wenn es nach den Kulturfunktionären im Land ginge, meint Zhadan, müsse alle Gegenwartskultur eine nationale Note, ein volkstümliches Kolorit haben. Doch sei die Rede vom „Kulturraum“ nichts als ein Hirngespinst. „Es gibt keinen Kulturraum, es gibt dich und deinen Fernseher, und was du in ihm siehst, ist allein deine Sache.“ Mit kämpferischer Attitüde ruft Zhadan das Copyright als letzten „Gegenstand des Klassenkampfes“ aus und verteidigt die Internetpiraterie: „Wie Kropotkin schrieb: ‚Frag ein Murmeltier, ob es gut ist, anderen Murmeltieren seiner Kolonie den Zugang zu unterirdischen Lagerstätten zu versperren.‘ Sicher hat er dabei an Raubkopien gedacht.“

          Serhij Zhadan ist kein Spurenleser. Sein literarischer Raum ist das Hier und Jetzt, das pralle Leben. Er erzählt Geschichten von seiner Generation – urban und ohne Nostalgie.

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