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Literatur aus dem Gulag : Dem Straflager entkommt nur der Hochstapler

Bei der Marterstätte blüht die Natur: ein verfallener Wachturm und Stacheldraht vor einem ehemaligen Straflager in Sibirien Bild: Picture-Alliance

Wo auf Liebe die Todesstrafe steht: Sergej Maximows Erzählungsband „Taiga“ versammelt meisterliche existentielle Kurzdramen

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          Die russische Lagerliteratur ist um eine jugendlich rebellische Stimme und einen Meisterdarsteller existentieller Kurzdramen reicher geworden. Der Mitteldeutsche Verlag hat erstmals eine Sammlung von Erzählungen des Schriftstellers Sergej Maximow (1916 bis 1967), der als Student in den GULag und während des Zweiten Weltkrieges bei den deutschen Besatzern in Haft geriet, in einer ebenso präzisen wie poetischen deutschen Übersetzung von Christine Hengevoß herausgebracht. Maximow, der, geboren als Sergej Paschin in einem Dorf am Oberlauf der Wolga, mit seinen Eltern nach Moskau zog, ging noch im Krieg nach Deutschland und später nach Amerika. Seine weitgehend autobiographischen Texte über das Lagerleben in der Republik Komi im Nordural schrieb er im Ausland für ein Emigrantenpublikum. Er hatte Propagandaspruchbänder gemalt, zu fliehen versucht, war fast verhungert – und sich gleichwohl einen lyrischen Sinn für menschliche und Naturschönheiten bewahrt, der vorrevolutionär anmutet und in seiner Verklammerung von Zartheit mit Tragik an Iwan Bunin denken lässt.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          An den großen Emigranten und ersten russischen Literaturnobelpreisträger erinnern zumal Maximows Frauengestalten, die ein kurzes Liebesglück mit dem Leben bezahlen. Emphatisch vergegenwärtigt er ihren Reiz, vergleicht etwa den schöngeschnittenen Mund der schwarzäugigen Diebin Galja mit Aphrodite. Galja wurde im Lager, dessen Insassen die Bahnlinie nach Workuta bauten, die Freundin eines strafgefangenen Ingenieurs, begann, rührend für ihn zu sorgen, aber auch zu lesen und sich zu bilden. Doch damit verstieß sie gegen den Kriminellenkodex, der ausschließlich utilitäre Beziehungen zu politischen Häftlingen erlaubte, und wurde einem Prügelritual unterzogen, das sie nicht überstand. Wie sehr der Drang nach Freiheit und der nach Liebe zusammengehören, veranschaulicht eingangs die Geschichte von der jungen Frau, die von Geologen zufällig im Schneetreiben gefunden und gerettet wird. Warum sie mit einem von ihnen die Nacht verbringt, zeigt sich am andern Morgen, als Gefängniswärter mit Hunden anrücken, denen sich die aus einem Lager Geflüchtete durch Selbstmord entzieht.

          Sergej Maximow: „Taiga“. Erzählungen aus dem Gulag.
          Sergej Maximow: „Taiga“. Erzählungen aus dem Gulag. : Bild: Mitteldeutscher Verlag

          Maximow war wegen eines unvorsichtigen Witzes 1936 denunziert und verhaftet worden. In der Erzählung „Odyssee eines Arrestanten“ schildert er die Verhöre und Folter im Moskauer Lubjanka-Keller, dem Hauptquartier des Inlandsgeheimdienstes NKWD, die penible Leibesvisitation durch einen sadistischen Subalternen vom verbreiteten Typ „Popka“ (zu Deutsch: „kleiner Arsch“), der ihm Gürtel und Schnürsenkel abnahm, weil der Häftling nicht durch Freitod der Justiz entkommen durfte, aber auch von dem Kommilitonen, der folgsam als Belastungszeuge auftrat, um nicht selbst in der Lubjanka zu landen.

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