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: Sensenmänner, Totenkult und Todesmystik

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Der Titel des einzigen Romans von Juan Rulfo (1917 bis 1986) bezeichnet den Boss, den Kaziken. Pedro Páramo ist ein mexikanischer Großgrundbesitzer, der lebt und stirbt in einem öden Dorf namens Comala. Dort hat er skrupellos seinen Reichtum gemehrt, mit verschiedenen Frauen Kinder gezeugt und den Vater seiner zweiten Frau ermorden lassen.

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          Der Titel des einzigen Romans von Juan Rulfo (1917 bis 1986) bezeichnet den Boss, den Kaziken. Pedro Páramo ist ein mexikanischer Großgrundbesitzer, der lebt und stirbt in einem öden Dorf namens Comala. Dort hat er skrupellos seinen Reichtum gemehrt, mit verschiedenen Frauen Kinder gezeugt und den Vater seiner zweiten Frau ermorden lassen. Dort ist er den Mädchen nachgestiegen, solange er konnte, hat Guerrilleros manipuliert, damit sie seine Besitzungen verschonen, und seine Frau Susana sterben sehen. Das geschieht gegen Ende dieses schmalen Romans; der Leser begreift, dass der Tyrann nicht nur alles Böse dieser Geschichte repräsentiert, sondern durch seinen privaten Wahn auch den einzigen Lichtstrahl der Liebe. Alle anderen Figuren - der Pfarrer, der Aufseher, die schwatzenden alten Frauen - sind Gaffer und Chor für den Herrenmenschen.

          Wäre der so skizzierte Plot das Wesentliche daran, Rulfos Roman hätte vielleicht respektabel sein können, aber nicht das weltberühmte Buch, das er ist. Denn "Pedro Páramo" aufzuschlagen bedeutet, in eine andere Wirklichkeit einzutreten als die, in der unsere Straßenlaternen und Wohnzimmersessel stehen. Es fängt mit täuschender Einfachheit an. Der Ich-Erzähler zieht aus, um seinen Vater zu finden, einen "gewissen" Pedro Páramo. Seine sterbende Mutter hat ihn losgeschickt. "Bettle ihn ja nicht an", trägt sie ihm auf. "Fordere, was uns zusteht. Lass ihn teuer bezahlen, dass er uns im Stich gelassen hat, mein Sohn." Doch Juan Preciado, der gehorsame Nachfahre auf der Suche nach den Ursprüngen, betritt mit dem Dorf Comala ein Geisterreich, in dem sich nur noch die Toten unterhalten. Die Erkenntnis wird uns zuteil, wie man hinter einen Spiegel schlüpft oder durch eine Falltür stürzt. Plötzlich ergreift etwas Neues vom Bewusstsein des Lesers Besitz. Die Toten reden wie Menschen, sind neugierig, sehnsuchtsvoll und klatschhaft wie sie. Ihre Geschichten allerdings sind schon lange vergangen, ihre Gebeine verwest. Sie sind zu Echoräumen geworden, durch die kollektives Gemurmel weht wie der Wind durch die Mauerritzen.

          Comala, der Name des Ortes, gilt heute als Topos der lateinamerikanischen Literatur. Rulfo taucht die einsam klagenden Stimmen in eine Atmosphäre von Nebel und strömendem Regen, lauscht dem Raspeln des Holzwurms oder dem Rauschen der Stille. Er wisse nicht, woher die Eingebungen kamen, denen er seinen Roman verdanke, schrieb er dreißig Jahre später. Das reicht, man braucht nicht daran zu rühren. Aus den Schicksalen seiner Figuren baut sich das Porträt einer brutal ausgebeuteten Gegend auf, das den geborenen Skeptiker verrät.

          Doch wer verkündet uns das alles, wenn auch Juan Preciado, in dem wir zunächst den Stellvertreter des Lesers vermuten, längst im Grab liegt? Rulfo besitzt so etwas wie das allgegenwärtige Gehör, ein Sensorium für die unterirdischen Regungen des Bewusstseins. Von einer Zeile auf die andere wechselt er zwischen Zeitebenen und Perspektiven, doch es wirkt nie wie der Klimmzug der Avantgarde, sondern bleibt leicht und spontan wie ein Kinderreim. "Pater Rentería sollte sich viele Jahre später an die Nacht erinnern, in der sein hartes Bett ihn wach hielt und dann ins Freie trieb": Der beschwörende Charakter dieser Sprache versetzte den jungen Gabriel García Márquez in solche Erregung, dass er Rulfos Roman so oft las, bis er ihn auswendig kannte. Nicht ganz zufällig ließ er dann seinen eigenen Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" mit der Wendung "Viele Jahre später" beginnen. Natürlich konnte ein Buch wie "Pedro Páramo" nur aus einer Gesellschaft wie der mexikanischen hervorgehen, wo Sensenmänner, Totenkult und Todesmystik zur besessenen Feier der Lebenden gehören. Auch der Autor hatte prägende Begegnungen mit dem Tod. Seine Kindheit verbrachte Rulfo in einer kargen, armen Gegend des Bundesstaats Jalisco. Als er sechs Jahre alt ist, erschießt ein Landarbeiter hinterrücks seinen Vater, vier Jahre darauf stirbt seine Mutter. Zusammen mit seinem älteren Bruder verlebt Juan vier Jahre im Waisenhaus.

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