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: Sehnsucht nach Verdoppelung

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Anfang der neunziger Jahre schrieb Christa Wolf im Vorwort eines Bildbandes zu Anna Seghers, jener Schriftstellerin also, von der sie so vieles gelernt, über die sie vielfältig gearbeitet hat: "Nein, ich kann diese Bilder nicht zum Sprechen bringen. Als ich die Fotos, die in diesem Band versammelt ...

          Anfang der neunziger Jahre schrieb Christa Wolf im Vorwort eines Bildbandes zu Anna Seghers, jener Schriftstellerin also, von der sie so vieles gelernt, über die sie vielfältig gearbeitet hat: "Nein, ich kann diese Bilder nicht zum Sprechen bringen. Als ich die Fotos, die in diesem Band versammelt sind, nacheinander ansah, fiel mir ein, wie oft ich seit Anna Seghers' Tod gedacht habe, ich würde noch einmal über sie schreiben müssen, so, als hätte ich noch nie über sie geschrieben ... Daß ich ,objektiv' sein würde, habe ich nicht erwartet oder gewünscht. Im Gegenteil, ich bin sicher, mit Distanz und Kühle würde ich ihr nicht besser gerecht werden als mit jenem lebhaften, warmen Interesse, das ich von Anfang an für sie empfand und das mir geblieben ist, über ihren Tod hinaus. Nun hat die Umwertung aller Werte auch sie erfaßt ..."

          Es ist ein Buch erschienen, in dem alles versammelt ist, was Christa Wolf in Interviews mit Anna Seghers gesprochen, mit ihr in Briefen besprochen und was sie über sie geschrieben hat, und darin steht auch der letzte Text Christa Wolfs zum hundertsten Geburtstag von Anna Seghers aus dem Jahre 2000. Er ist eine Abfolge von nachgetragenen "Begebenheiten" und Anekdoten, und gerade sie lesen sich, bei aller Achtung, distanzierter als alles andere in diesem Bändchen. Oder jedenfalls objektiver, auch befreiter. Und gleich anfangs stellt Christa Wolf die Fragen: "Hat es für sie zeitlebens das ,richtige' Publikum gegeben? War nicht auch in der übermäßigen Verehrung, die ihr in der DDR von ihren Lesern entgegengebracht wurde, ein gut Teil - oder ein schlecht Teil - Verkennung, zu schweigen von der bis zur Gehässigkeit gehenden Ablehnung, die sie immer wieder von anderer Seite auf sich zog, bis heute auf sich zieht?"

          Solche Fragen nach Bildern und Lebensbildern, nach ihren Wirkungen und Ansichten könnte man nun auch an Christa Wolf selbst stellen anläßlich eines Bildbandes, einer "Biographie in Bildern und Texten", die zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag erschienen ist. Deren Herausgeber, Peter Böthig, ebenso wie Angela Drescher, die Herausgeberin des Seghers-Buchs, im Bildband als dem Hause Wolf befreundet erkennbar, eröffnet den Band nicht mit einer Frage, sondern mit der Sentenz: "Wohl jeder Leser, jede Leserin von Christa Wolf wird Sätze von ihr aufsagen können, die er eine Zeit seines Lebens mit sich getragen hat, Sätze, die ihn in Frage stellten, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließen. Von Buch zu Buch schuf sie ein eigenes, unverwechselbares und glaubwürdiges geistiges Universum und blieb doch nah bei ihren Lesern."

          So vollmundig hat Christa Wolf nie über Anna Seghers geschrieben, auch nicht in den fünfziger, den sechziger Jahren, als sie eher noch Funktionärin im Literaturbetrieb der DDR war denn Schriftstellerin - die wurde sie erst 1961 mit der "Moskauer Novelle", die sie später mit Recht aus ihrem Gesamtwerk verstoßen hat - und als sie sich im Überschwang des sozialistischen Startens sehr kurzfristig zur harmlosen und wegen ihrer Harmlosigkeit bald aufgekündigten Mitarbeit mit den geheimdienstlichen Genossen einließ. Ihre ideologisierte Parteilichkeit überkommt sie nachlesbar nur einmal, 1959 im Gespräch mit Anna Seghers über deren "Entscheidung", als sie sagt, sie finde es richtig, daß im Buch eine Figur "der anderen Seite" erschossen wird, und daß sie sich für ",unsere' Leute durchweg mehr interessiert (habe) als (für) ,die anderen'". Vermutlich ärgert diese Äußerung, obwohl literarisch-strategisch gemeint, Christa Wolf noch heute.

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