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: Sehen, Hören, Schweigen

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Die spanische Inquisition wird mit einer Atmosphäre von Geistfeindlichkeit, Denunziation und Bespitzelung verbunden, die auf das geistige Leben des Landes einen ähnlichen Einfluß ausübte wie die modernen Polizeiapparate in den totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts. Wenn man populäre Schilderungen der ...

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          Die spanische Inquisition wird mit einer Atmosphäre von Geistfeindlichkeit, Denunziation und Bespitzelung verbunden, die auf das geistige Leben des Landes einen ähnlichen Einfluß ausübte wie die modernen Polizeiapparate in den totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts. Wenn man populäre Schilderungen der spanischen Inquisition liest, glaubt man, es müsse eine geisterhafte Öde unter ihrem Regiment geherrscht haben. Daß es nicht nur verborgen blühende Veilchen waren, die unter der angeblich so lückenlos mißtrauischen Aufsicht gediehen, sondern eine wahre Pléiade von Genies, erscheint bei solchen Vorzeichen geradezu unwahrscheinlich.

          Und doch war es so. Das spanische "Siglo de oro", das Goldene Zeitalter der spanischen Kunst und Literatur zwischen Philipp II. und Philipp IV., brachte eine Literatur hervor, deren warmer Sonnenglanz bis heute weit über die Landesgrenzen reicht und selbst den Hyperboräern noch leuchtet. Cervantes, Calderón, Gongora, Lope de Vega, Juan de la Cruz sind die großen Gestalten, die ihr Lebenswerk unter dem Flügelschatten der Inquisition schufen - weil es ihnen gelang, die Zensur der Inquisition zu unterlaufen? Oder weil sie todesmutig den Kampf mit der Zensur aufnahmen? Oder gar, weil sie am Ende mit den Prinzipien der Inquisition übereinstimmten?

          Die letzte Frage auch nur zu stellen heißt, an eine moderne Denkunmöglichkeit zu rühren. Die Inquisition sollte die Entstehung literarischer Meisterwerke nicht nur nicht verhindert, sondern womöglich sogar noch gefördert haben? Die Antwort müssen uns neue, unbefangene literarhistorische Untersuchungen bringen. Baltasar Gracián gehört zum "Siglo de oro" als Nachzügler unbedingt dazu, obwohl es in seiner Lebenszeit (1601 bis 1658) - politisch jedenfalls - mit Spaniens Glück zu Ende ging.

          Er stammte, worauf sein Nachname, die Übersetzung des hebräischen "hen" - "Gnade" - hindeutet, vielleicht aus einer Familie konvertierter Juden und wurde, wie alle seine Geschwister, Geistlicher. Als Mitglied des Jesuitenordens stand er unter einer gewissen Kontrolle, was seine Veröffentlichungen anging, ohne sich an diese an sich selbstverständliche Ordensdisziplin allerdings zu halten; seine Konflikte mit der Kirche berührten weniger den Inhalt seiner Werke als seine Gewohnheit, die Bücher immer ohne das "Nihil obstat" des Superiors drucken zu lassen. Und so bleibt es denn verblüffend, was ein Priester in Spaniens katholischem Jahrhundert schreiben konnte.

          In Deutschland ist ein schmales Werk seiner Feder berühmt geworden: das "Handorakel" in der Übersetzung von Arthur Schopenhauer. Den jungen Schopenhauer lockte die bis zur Bitterkeit und zum Zynismus pessimistische Weltsicht des mondänen Priesters, der die Tugenden des bei Hof verkehrenden Edelmanns in kurzen, aphoristisch gedrechselten Kapiteln als eine Mischung aus Machiavelli und dem heiligen François de Sales beschrieb. Die täuschungsfreie Einsicht in die Verkommenheit der Menschennatur sollte den Höfling verschlossen bis zur Verschlagenheit, beherrscht bis zur Versteinerung und vorsichtig bis zur Abgestorbenheit werden lassen.

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