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Thriller von Zoë Beck : Wovon App-Entwickler träumen

Die Schriftstellerin und Synchronregisseurin Zoë Beck Bild: ©Susanne Schleyer / autorenarchiv

Spekulationen über die Zukunft: Zoë Becks beunruhigender Science-Fiction- Thriller „Paradise City“ erzählt von einer ökologisch-digitalen Gesundheitsdiktatur mit menschlichem Antlitz.

          4 Min.

          In ihrem letzten Buch hat sie ein England lange nach dem Brexit beschrieben und professionelle Drogenlieferung per Drohne. „London, vielleicht bald“ hieß es vor drei Jahren am Anfang der „Lieferantin“. Jetzt, in „Paradise City“, bewegt sich Zoë Beck noch ein Stück weiter in die Zukunft hinein.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Thriller“ steht auf dem Buchumschlag, aber es ist auch ein bisschen Science-Fiction dabei. Sie schleicht sich leise in die Geschichte, nicht in Form großer Maschinen, smarter Androiden oder verstrahlter Endzeitlandschaften, sie wird so diskret und geschickt angedeutet, dass man auf den ersten Seiten nur langsam begreift, dass wir in der Zukunft sind. Die junge Journalistin Liina ist in der Uckermark unterwegs, angeblich soll eine Frau von einem Schakal gebissen worden sein. Sie sieht verlassene Häuser, verkommene Dörfer, streunende Katzen, herumlungernde junge Männer. Man muss zwei- oder dreimal hinschauen, die kleinen Signale in Nebensätzen oder beiläufigen Beobachtungen lesen, welche die Wahrnehmung irritieren.

          Schakale in der Uckermark

          Diese Verbindung von Kriminalroman und Science-Fiction gelingt nur wenigen deutschen Autoren, auch wenn der eine oder die andere immer wieder mal glaubt, sich das zutrauen zu sollen. Bei der 45-jährigen Zoë Beck muss man sich keine Sorgen machen. Sie hat in acht Kriminalromanen das weite Spektrum ihrer Fähigkeiten demonstriert, sie hat als ehemalige Producerin und als aktive Synchronregisseurin genug Erfahrung mit Drehbüchern, um zu wissen, dass auch in der Literatur Wirkungen desto größer ausfallen, je sparsamer und besser dosiert die Effekte sind.

          Die nahe Zukunft, in der die Handlung von „Paradise City“ spielt, ist nicht so weit entfernt, dass man nicht vieles noch wiederkennen würde. Berlin ist hier zu einer Art historischem Themenpark geworden. Hauptstadt ist das Rhein-Main-Gebiet, eine Zehn-Millionen-Megacity. Am Frankfurter Museumsufer liegen die Ministerien, die Museen hat man nach Bad Vilbel umquartiert. Gar kein so schlechter Impuls in der aktuellen Debatte über den Theaterneubau. Und eine Bahnverbindung, welche die Fahrtzeit zwischen Berlin und Frankfurt auf weniger als zwei Stunden verkürzt, wäre auch überfällig.

          Es ist eine Welt, in der fast alles sehr gut funktioniert. Auf den ersten Blick. Und nur in den Megacitys. Masernpandemien und Resistenz gegen Antibiotika haben die Bevölkerung in den 2030er Jahren um vierzig Prozent dezimiert. Das liegt zu Beginn des Romans schon eine Weile zurück. Nun sorgt eine Gesundheits-App namens „KOS“ – sie funktioniert durch einen in den Körper implantierten Chip – dafür, dass sämtliche Vitalwerte verfügbar sind, Untersuchungen angemahnt, Medikamente geliefert und Sozialpunkte gesammelt werden, wie man sie aus dem China von heute kennt.

          Das Interesse an Fakten ist tot

          Die öffentlich-rechtlichen Medien sind zu Staatsmedien geworden, was auch nicht allzu weit hergeholt erscheint. „Das Interesse an Fakten war tot“, heißt es einmal. Der öffentliche Raum wird lückenlos überwacht, es gibt allerdings illegale „Videoblocker“, eine Software, um sich der Dauersichtbarkeit zeitweilig zu entziehen.

          Es gibt auch ein „Smartcase“, ein handliches Gerät, das alle möglichen Funktionen enthält, von denen Smartphone-Entwickler heute schon träumen, die sie aber hoffentlich noch sehr, sehr lange nicht werden integrieren können und dürfen. Man könnte dieses Deutschland eine sanfte, digitale Öko- und Gesundheitsdiktatur mit menschlichem Antlitz nennen. Im „Gemeinschaftsnetz“, an dem alle partizipieren, „kontrolliert sich das ganze Land gegenseitig“. Repressive Polizeistaatsmaßnahmen sind kaum mehr erforderlich. Zoë Beck lässt diese Welt und deren Eigenheiten sehr anschaulich werden, mit sicherem Gespür für notwendige Details, und sie weiß auch, welche technikverliebten Nerd-Zusätze man besser weglässt.

          Sie erzählt von Liina und der Agentur, für die sie arbeitet, die früher investigativen Journalismus betrieben hat und jetzt, mit erheblichen Finanzierungsproblemen, versucht, Fake News aufzudecken. „Wahrheitspresse“ wird dieser vom Aussterben bedrohte Journalismus höhnisch genannt. Liina ist eigentlich eine Profiteurin des Systems, sie hat mit 35 Jahren bereits ihr zweites Spenderherz, das aus ihren Stammzellen gezüchtet wurde. Das macht sie zum allseits interessanten (und überwachten) Forschungsobjekt. Aber sie will nicht aufgehen im System.

          Was ist überhaupt noch skandalös?

          Sie hat einen Widerstandsgeist, der eher Trotz als politischer Überzeugung entspringt. Die Faustregel des Genres, dass dystopische Düsternis vor allem strahlende Heldinnen und Helden hervorzubringen habe, setzt Zoë Beck souverän außer Kraft. Liinas Chef Yassin, mit dem sie eine Affäre hatte, soll sich angeblich vor die U-Bahn gestürzt haben. Liina und ihre Kollegen glauben das nicht. Als eine weitere Investigativjournalistin tot aufgefunden wird, erst recht nicht. Mit Software-Spezialisten und Meisterhackerin versuchen sie herauszufinden, woran Yassin zuletzt gearbeitet hat.

          Doch das ist, darin liegt Zoë Becks Pointe, weniger ein technisches Problem. Es ist eine Frage des gesellschaftlichen Vorstellungsvermögens: Was kann in dieser neuen gesunden Welt so aufregend und skandalös sein, um überhaupt noch öffentliches Interesse zu erregen? Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass die Spuren ins Gesundheitsministerium führen, zu der gefeierten Gesundheits-App, die in andere Länder verkauft werden soll. „Paradise City“ ist ohnehin nicht primär von seinem Plot getrieben, von dem Fall, der in der eingebauten Teleologie des Genres nach seiner Lösung verlangt.

          Die Spannung des Szenarios resultiert nicht so sehr aus dem Rätsel. Sondern aus der Spekulation, aus dem Entwurf einer Zukunft. Einige Linien scheinen direkt aus unserer Gegenwart in sie hineinzuführen. Die Gesundheits-App ist schon heute der heimliche Traum der Kassen, Gesundheitskonzerne und Ämter, und wenn man den milden Selbstoptimierungswahn verschärft und flächendeckend werden lässt, ist man schnell in „Paradise City“.

          Zoë Beck: „Paradise City“

          Zoë Beck ist jedoch zu smart, um dieses Zukunftsbild totalitär zu überzeichnen, so dass da kein Außen mehr wäre. Es gibt die sogenannten „Parallelen“, Menschen, die sich der Überwachung, der völligen Transparenz entziehen. Es geht ihnen gesundheitlich entsprechend schlecht. Aber ihre Existenz ist die unangenehme Erinnerung, woher die schöne neue Welt kommt. Dramaturgisch sind sie unentbehrlich, weil ohne ein Jenseits des Systems dessen Infragestellung nicht möglich wäre.

          „Paradise City“ ist ein beunruhigendes Buch. Ihr sei es selbst ein wenig unheimlich, sagt Zoe Beck, wie nah ihr Plot manchmal den Verhältnissen in der Corona-Krise gekommen sei. Was sie interessiert, ist der Punkt, an dem etwas kippt: Wenn der Staat als Ordnungsinstanz über einen längeren Zeitraum mehr Macht bekommt, wenn die Bürger Verantwortung abgeben und immer mehr Freiheit gegen Sicherheit eintauschen.

          Deshalb kommt es einem beim Lesen auch so vor, als sei die Welt von „Paradise City“ nur ein Wimpernschlag entfernt von der, in der wir leben – mit Menschen, „die zufrieden sind, mit dem, was sie haben, weil sie alles haben, um zufrieden zu sein: Gesundheit, Sicherheit, ein Zuhause, eine Beschäftigung. Sie haben saubere Luft zum Atmen, sauberes Trinkwasser, gute Lebensmittel, die beste medizinische Versorgung. Es fehlt ihnen an nichts, weil sie glauben, dass es ihnen an nichts fehlt.“ Ob das alles ist, fragt niemand mehr.

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