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Roman über Luther Kings Mörder : Ein Musterbeispiel des White Trash

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Die Momente nach dem Schuss: Zeugen im Lorraine Motel in Memphis, Tennessee am 4. April 1968 Bild: dpa

Sein Ehrgeiz: einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt zu werden. Der Rassen-Konflikt: die Bühne seines Geltungsdrangs. Antonio Muñoz Molina spürt in „Schwindende Schatten“ den Attentäter James Earl Ray auf.

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          Es war einer der spektakulärsten, bis heute von Verschwörungstheorien umsponnenen Mordfälle der sechziger Jahre. Er führte zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, mit Tausenden Verletzten und 39 Toten; über 20.000 Menschen wurden verhaftet. Am 4. April 1968 wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis erschossen. Der Attentäter James Earl Ray ist die obsessiv umkreiste Hauptfigur im neuen Roman von Antonio Muñoz Molina. Mit dem Buch war der dreiundsechzigjährige spanische Schriftsteller im vergangenen Jahr für den Man Booker International Prize nominiert.

          Wie in Zeitlupe beschreibt Molina die Minuten vor und nach dem Schuss aus dem Badezimmerfenster einer gegenüber dem Motel liegenden Absteige. Er schildert die anfangs unbehelligte, wenn auch panische Flucht des Mörders und später die weltweite Fahndung. Und er rekonstruiert das Leben Rays, der als neuntes Kind eines kleinkriminellen Säuferpaars ein geborener Verlierer war. Früh beging er Betrügereien und bewaffnete Raubüberfälle, bis er 1960 wegen notorischer Rückfälligkeit zu zwanzig Jahren Haft im Bundesgefängnis von Missouri verurteilt wurde. 1967 gelang ihm die Flucht. Fortan wechselte er die falschen Namen so oft wie seine Aufenthaltsorte, nannte sich Eric Starvo Galt, Harvey Lowmeyer oder Ramon Sneyd, lebte mal in Kanada, mal am Golf von Mexiko, übte Gelegenheitsjobs aus, besuchte eine Barkeeper-Schule, nahm Tanzstunden, verbrachte Zeit mit Prostituierten und Geliebten und plante eine Karriere als Pornoregisseur.

          Keineswegs uneitel, unterzog er sich einer Schönheitsoperation, trug einen Maßanzug und Krokodillederschuhe. Neben Kriminalromanen las er bevorzugt Bücher über Parapsychologie und Hypnosetechniken. Er gab sich als Schiffsbauingenieur oder Schriftsteller aus; von manchen wurde der Eigenbrötler für einen Professor gehalten. Andere fanden ihn so unscheinbar, dass er „förmlich mit der Tapete verschmolzen“ sei.

          Zersplitterte Seele: James Earl Ray auf einer Polizeiaufnahme aus dem Jahr 1959

          Molina sammelt viele Aussagen von Menschen, die Ray vor und nach der Tat begegneten, als Teile eines riesigen Puzzles, aus dem sich aber kein einheitliches Bild ergibt. Es sind Zeugnisse eines chamäleonhaften Wesens, eines Phantoms, das überall auf der Welt von übereifrigen Zeugen gesehen worden sein will. Ray selbst stellte sich gern vor, er sei eine Figur aus einem James-Bond-Roman oder aus einem Lied von Johnny Cash. Sein unbefriedigter Ehrgeiz richtete sich schließlich darauf, einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt zu sein. Der Rassen-Konflikt wurde zur Bühne seines Geltungsdrangs. Gierig durchforschte er die Zeitungen nach Meldungen über sich selbst.

          Dass diese schimärische Existenz auf einen Schriftsteller große Faszination ausübt, liegt auf der Hand. Ray verkörpert das, was Autoren als Kunst betreiben: Er erfindet und erprobt ständig neue Identitäten, lebt im Modus des Fiktiven. Kaum erstaunlich also, dass sich Molinas akribische Verfolgung der Lebensspuren des Attentäters so liest, als wäre er von dessen Verwandlungen und Verstellungspraktiken kollegial in den Bann gezogen. Es ergibt sich so eine irritierende Nähe, die literarisch einen positiven Effekt hat. Sie verhindert, dass die Darstellung zum politisierenden Lehrstück aus allzu sicherer Distanz wird, mit Ray als Musterbeispiel des White Trash: ein abgehängter, perspektivloser Mann, der seine Frustration transformiert in tödlichen Rassenhass. Ray entspricht dem Gespenst, das derzeit in fortschrittlichen Kreisen umgeht: der provinzielle Kerl, an dem jede zivilgesellschaftliche Ambition und jede universalistische Pädagogik verloren ist.

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