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„Schweigeminute“ von Siegfried Lenz : Die Meerfrau und der Steinfischer

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Ein Großer auch der kleinen Form: Die Wände von Siegfried Lenz' Haus bestehen - natürlich - aus Büchern Bild: dpa

Altmodisch? Modern? Die ewigen Streitbegriffe der Liebhaber und der Kritiker des Werks von Siegfried Lenz verblassen vor der souveränen Lakonie, die Lenz in seiner Novelle „Die Schweigeminute“ an den Tag legt.

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          Es ist eine einfache Geschichte. Der Schüler verliebt sich in die junge Englischlehrerin, es kommt zu einer Affäre, die durch den Unfalltod der Geliebten ein jähes Ende findet. In der Hoffnung, das Unwiederbringliche möge im Schreiben fortdauern, findet der Liebende endlich die Worte, die ihm bis zur schulischen Trauerfeier gefehlt haben: Aus der Schweigeminute geht das Erzählen hervor.

          Die eigentümliche Spannung von Siegfried Lenz' Novelle ergibt sich kaum aus ihrer schlichten Fabel, sondern wesentlich aus der Ökonomie des Erzählens, einer kammermusikalischen Genauigkeit und Diskretion. Wie in Martin Walsers in mancher Hinsicht vergleichbarer Geschichte vom „Fliehenden Pferd“ entsteht das Geflecht der Leitmotive und Dingsymbole wie von selbst aus der Aufmerksamkeit für die realistischen Details. Wie dort die Bodenseelandschaft unmerklich zum Bedeutungsraum wird, so hier die Küstenlandschaft der Ostsee. Es ist die Landschaft Storms und Andersens, eine kleine und randständige, mit knappen Strichen gezeichnete Hafenstadt nahe der dänischen Grenze, die zum Schauplatz der Tragödien wird. Und es sind die im Wortsinne elementaren Gewalten, die das Leben bestimmen - aber erzählerisch zurückgenommen ins Kleinformat des Alltäglichen.

          „We are only fishing for stones“

          Nicht um Wildnis und Zivilisation geht es hier, sondern bloß um Hafen und Vogelinsel, um das Steinriff in der Wassertiefe, um Windstille und Sturmböen am Badestrand; nicht um die Liebe als Feuersbrunst, sondern bloß um den kleinen Brandfleck auf dem Bettlaken. Der einfache Umstand, dass der Vater des Erzählers als „Steinfischer“ Felsbrocken aus den Fahrrinnen heraufholt und Molen aufschüttet, macht auf die lässigste Weise so Hemingwaysche Sätze möglich wie die Erläuterung gegenüber einem schottischen Besucher: „We are only fishing for stones.“

          Dass jedes Ding in dieser erzählten Welt über sich hinausweisen kann, verdankt sich gerade der Sorgfalt, mit der sie alle dem Realitätseffekt dienen. Beinahe hätte man darum überlesen, dass der Schulleiter, diese Verkörperung der Institution, „Block“ heißt und die Lehrerin „Stella“. Nicht nur Erinnerungen an literarische Vorbilder wie Swift und Goethe kann dieser Name wecken, er umgibt die Geliebte auch mit einer ganz leisen Aura des Heiligen. Denn als Stella Maris wird sie, inmitten dieser so gänzlich nüchtern geschilderten Welt der Fischer und Bordfunker, für den heranwachsenden Schüler und Geliebten buchstäblich zum Polarstern über jenem Meer, an dem sie selbst zugrunde gegangen ist. Erst wer diesen Nebensinn beim Wort nimmt, begreift die wilde Emphase, mit der dieser Erzähler seiner toten Geliebten unverhofft „Lob“ und „Glorie“ nachruft.

          Beim Strandfest sucht der „Krakenmann“ eine „Meerfrau“

          Eine Undine ist sie zugleich, diese doch ausdrücklich „märchenhaft“ Schöne: eine Andersensche Meerfrau, die stirbt, weil sie ihr Element verlassen hat. Unauffällig und früh sind die Signale gesetzt. Da ist die romantische Neigung zu den Findlingsblöcken, als seien es versteinerte Wesen; da sehen wir das Haar, das doch ausdrücklich burschikos kurz geschnitten war, der Sterbenden in die Stirn „fließen“; da sucht sich beim Strandfest wie in jedem Jahr der „Krakenmann“ eine „Meerfrau“, folkloristische Touristenunterhaltung. Wenn dann am Ende ihr Körper verwandelt in dieses Element zurückkehrt, realistisch motiviert in jener Szene, in der ihre Asche ins Meer gestreut wird: Dann steigt Stella, als „Stern“ eben, auf zu den Töchtern der Luft, in die luftige und enthobene Welt der Erzählung.

          Dass Lenz' novellistische Seefahrt die Scylla des Pathetischen ebenso sicher umsegelt wie die Charybdis der Sentimentalität, verdankt sich der Sparsamkeit seiner erzählerischen Mittel und dem weiten Horizont, in den hinein dieses Erzählen sich öffnet. In derselben Sprachwelt, in der „wir im Watt Butt peddeten“, sind im Radio die Songs von Ray Charles zu hören, wird über Faulkner debattiert, weckt die schulische Orwell-Lektüre politische Zweifel. Und so deutlich die Reminiszenzen an die klassische Novelle zu bemerken sind, so zwanglos verbinden sie sich mit filmischen Schnitten und Überblendungen und mit überraschenden Zeit- und Perspektivenwechseln. Die Ambivalenz zwischen der Bindung an die liebend Erinnerte und der Befreiung von der Last des Erinnerns - sie könnte nicht leichter vermittelt werden als im fortwährenden Wechsel zwischen der intimen Anrede und der Distanz der dritten Person: „Sie trat ans Fenster, als suchtest du etwas.“

          Eine einfache Geschichte

          Die Romane, die Siegfried Lenz seit der „Deutschstunde“ veröffentlichte, haben ihrem Autor bis heute eine zweischneidige Popularität eingebracht. Der Rückzug in zeitferne Gegenwelten und eine Neigung zum Bedächtigen, wenn nicht Betulichen, die manche Leser entzückten, haben die Literaturkritik oft auf skeptische Distanz gehen lassen; eher höflichen Respekt als Neigung hat sie diesem Schriftsteller seither weithin entgegengebracht. Gegen diese wohlwollende Unterschätzung ist beharrlich daran zu erinnern, dass Lenz in seinen kurzen Erzählungen die amerikanische short story so stilsicher adaptiert und mit einer genuin deutschen Novellentradition zusammengeführt hat wie kein zweiter Autor seiner Generation, vom Frühwerk bis in Erzählungen wie „Ein Kriegsende“ von 1984.

          Wer immer schon der Ansicht war, dass Lenz' eigentliche Stärke in diesen Erzählungen kurzen und mittleren Umfangs liege, kann sich durch diese Novelle bestätigt finden. Meisterhaft ist sie in einem ganz handwerklichen Sinne. Und ebendeshalb erreicht sie so sicher jenen Punkt, an dem die stupende Präzision der pièce bien faite umschlagen kann in die Magie des Geschichtenerzählens. Altmodisch? Modern? Die alten Streitvokabeln der Lenz-Liebhaber und -Kritiker verblassen vor dieser souveränen Lakonie. Darin liegt das eigentlich Wunderbare dieses Buches: Es ist eine einfache Geschichte.

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