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„Schweigeminute“ von Siegfried Lenz : Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität

  • -Aktualisiert am

Der späte Weg zur Liebe: Siegfried Lenz Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein Thema mied der Schriftsteller Siegfried Lenz so sehr, dass ihm die Kritik vorwarf, er drücke sich davor: die Liebe. In seiner Novelle „Schweigeminute“, die im Feuilleton der F.A.Z. als Vorabdruck erscheint, findet er einen zärtlichen Weg zu dem bisher gemiedenen Topos, meint Marcel Reich-Ranicki.

          Von allen erfolgreichen deutschen Erzählern ist er der bescheidenste. Aber er weiß genau, dass ein Schriftsteller nur dann etwas leisten und erreichen kann, wenn er seinen Stoffen und Einfällen, seinen Mitteln und Motiven vertraut. Schriftsteller von Rang sind allesamt (auf mitunter schwer erträgliche Weise) eigensinnig – und sie müssen es sein.

          In schweren Stunden hatte Siegfried Lenz stets einen Trost: Auf sein Publikum konnte er sich verlassen. Nur hat er diese Treue niemals mit Zugeständnissen erkauft. Er ist nie den Lesern nachgelaufen; vielmehr hat er sie höflich gebeten, ihm doch zu folgen. Sie taten es gern, sie tun es immer noch, denn sie spüren, dass er nicht für die Kritiker oder Kollegen schreibt und niemals mit dem Rücken zum Publikum, sondern immer den Pakt eben mit ihnen, den Lesern, anstrebt.

          Romancier der Gescheiterten

          Lenz weiß, was der Siegreiche, der Triumphierende empfindet. Den bitteren Geschmack der Niederlage und des Scheiterns kennt er ebenfalls – wie kein anderer Schriftsteller seiner Generation. Seine Helden gehören zu jenen, die immer leer ausgehen. Die Niederlage ist der rote Faden, der sich durch seine Prosa zieht.

          Kritische Freunde: Lenz und Reich-Ranicki 1999 nach der Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises an Lenz

          So wurde Lenz einer der populärsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur – und einer der am heftigsten beneideten. Das ganz Ungewöhnliche: Er hat sich die Zustimmung seines enormen Publikums gesichert, obwohl er auf das Thema verzichtet hat, dem die meisten Romanciers und Novellisten den deutlichen und lauten Beifall der Leser verdanken: Er hat in seinem Werk die Liebe gemieden. Man hatte dafür überhaupt kein Verständnis.

          Beweisqualität des Liebesakts

          Er wurde mehr oder weniger aufdringlich befragt, sehr direkt gemahnt, ja, zur Rede gestellt. Man wünschte von Siegfried Lenz eine Liebesgeschichte. Er antwortete ausweichend, bisweilen sogar schroff. Er hat jenen, denen daran so gelegen war, auf die Wahl seiner Themen und Motive Einfluss auszuüben, nichts versprochen.

          In einem „Spiegel“-Gespräch im Juni 2003 wollte man von ihm wissen, ob er sich vielleicht „vor dem allzu Konkreten“ drücke, „vor der Darstellung der handgreiflichen Seite der Liebe“. Man verwies ihn auf John Updike, auf Michel Houellebecq. Lenz antwortete, natürlich habe er die Möglichkeit gehabt, Henry und Paula (in seinem damals neuen Roman „Fundbüro“) „ins Bett zu schicken. Für mich hat das zu wenig Beweisqualität.“

          Endlich: eine Liebesgeschichte

          Ich gebe zu, ich wollte meinen Augen nicht trauen. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, je einen ähnlich verwegenen Satz über die Sexualität gelesen zu haben, einen Satz, der sich auf verblüffende und, zugegeben, imponierende Weise über die Weltliteratur hinwegsetzt. Nur sollte man es sich nicht zu leicht machen. Lenz kennt Dante, Shakespeare und Goethe, er liebt Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, Romeo und Julia, Faust und Gretchen. Seine kühne, geradezu tollkühne Behauptung soll offensichtlich nur für ihn selber gelten; sie erhebt keinerlei allgemeinen Anspruch.

          Aber Lenz kennt auch Heines Wort: „Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns.“ Damals, als er die „Beweisqualität“ des Sexuellen mit Entschiedenheit in Frage stellte, wenn nicht schlicht ablehnte, hatte ihn die Idee, die er ein Leben lang ignorierte, wohl schon ergriffen: Er arbeitete an seinem nächsten Buch, der Novelle „Schweigeminute“. Es ist – wer hätte das erwarten können? – eine Liebesgeschichte.

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