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: Schreiben verdient keine mildernden Umstände

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Samarkand. Das war das letzte magische Wort zwischen uns. 1995 hatte das Goethe-Institut mich zu einer Reise in die neu sich etablierenden zentralasiatischen Länder eingeladen und gelockt mit dem Hinweis, Jurek Becker fahre auch; und als er hörte, daß ich dabeisein sollte, rief er mich an: "Dann müssen ...

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          Samarkand. Das war das letzte magische Wort zwischen uns. 1995 hatte das Goethe-Institut mich zu einer Reise in die neu sich etablierenden zentralasiatischen Länder eingeladen und gelockt mit dem Hinweis, Jurek Becker fahre auch; und als er hörte, daß ich dabeisein sollte, rief er mich an: "Dann müssen wir aber unbedingt auch nach Samarkand!" Das wollte ich auch, es klang nach Seidenstraße und Marco Polo, da mußten wir hin. Das sollte 1996 sein.

          Diese Reise fand nicht statt. Jurek Becker wurde krank und starb am 14. März 1997 im schleswig-holsteinischen Sieseby in seinem Haus an der Schlei, mit einem Strändchen von zwei Metern, auf das er so stolz gewesen war. Und dort, fern vom Betrieb, ist auch sein Grab. Er wollte es so, unbedingt.

          Das war er auch: unbedingt. Und direkt. Klar und unmißverständlich. Für ihn galt das gesprochene ebenso wie das geschriebene Wort: Er war Schriftsteller, ohne Wenn und Aber. So schrieb er 1973 "stocksauer" an die Suhrkamp-Lektorin Elisabeth Borchers, in deren Lektorat sein Buch "Irreführung der Behörden" als DDR-Lizenzausgabe mit "37 Fehlern und Ungenauigkeiten" erschienen war: "Du wirst sicher Verständnis für meine Wut haben, denn wenn ich mich durchringen würde, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen, dann könnte ich mir gleich einen Beruf suchen, bei dem es auf Worte nicht ankommt."

          Und 1987 formulierte er in einem Brief, offensichtlich an eine Studentin, die um Auskünfte zu "Bronsteins Kinder" gebeten hatte: "Opportunismus bedeutet im deutschen Sprachgebrauch: Sich anpassen. Also etwas tun, was man selbst nicht unbedingt für richtig hält, wenn man nur einen Vorteil davon hat. Etwas tun aus Angst, aus Feigheit, indem man sich selbst verleugnet. Ich glaube, daß jemand, der lange genug so handelt, jede Identität verliert. Er weiß bald nicht mehr, was seine eigene Meinung ist, ja, er hat keine. Er muß nur noch herausfinden, was andere von ihm hören wollen." Jurek Becker war das Gegenteil eines Opportunisten: Er hatte immer eine Meinung, seine; und ein Urteil, das er stets gut begründete.

          Das alles kann man lesend erfahren in einer Auswahl aus Jurek Beckers Briefen, die seine Frau Christine in diesem Jahr herausgebracht hat. Sie belegen Satz für Satz, wie entschieden er war, wie deutlich er sich im Verhältnis zu seinen Korrespondenten definierte; aber auch, wie wichtig ihm war, daß seine Briefpartner Klartext redeten und nicht um den heißen Brei herum.

          Bereits 1972 hatte er geschrieben - wieder an Elisabeth Borchers, deren Lektorat ihn sein Leben lang begleitete und die ihm vermutlich die beste mitarbeitende Freundin war -: "Schreiben ist keine Bitte um mildernde Umstände, da haben die Fetzen zu fliegen, Rücksichten hierbei sind fast immer falsche Rücksichten, und ich verfüge über keinen falschen Hals, in den ich Kritik kriegen könnte . . ." Denn, so ein Jahr später, "mich (lassen) alle Kritiken, ob jubelnde oder verurteilende, kalt (. . .). O.K., ich denke über sie nach, aber für meine Arbeit spielen sie überhaupt keine Rolle."

          Und er freute sich doch über positive und ärgerte sich über negative Kritik, vor allem, wenn die dumm war. An den damaligen Literaturchef der "Zeit", Fritz J. Raddatz, immerhin konnte er 1978 schreiben: "wie bei nahezu allen Ihren Rezensionen, weiß ich auch gegen die Besprechung der Schlaflosen Tage so gut wie nichts einzuwenden. Ich hoffe von Herzen, Sie mögen mit der Bemerkung recht haben, es sei mein bisher schwächstes Buch." Und dann kommt der typische Becker-Sound: "Nur eins kann ich Ihnen unmöglich durchgehen lassen: das Bild. Ich bin seit über zwei Jahren Nichtraucher und unmäßig stolz darauf. Da man von der ,Zeit' die größte Aktualität gewohnt ist, wird jetzt jeder Bekannte, der mich dort sieht, sofort an Rückfall denken. Und so weit, meine ich, sollte eine Rezension nicht gehen."

          Von diesem ironischen Ton sind viele Briefe Beckers durchzogen - dessen liebenswerte Version hielt er auch für seine Freunde bereit. Bei Burgel Zeeh, der persönlichen Assistentin seines Verlegers Siegfried Unseld, bedankte er sich nach der Rückkehr von einer Norwegen-Reise, für die sie ihm ein Pilzbestimmungsbuch geliehen hatte: "Ihr Pilz-Buch war uns doch noch eine große Hilfe: Gleich nach unserer Rückkehr haben wir in einem Gemüseladen ein Kilo Pilze gekauft und jeden einzelnen anhand des Buches geprüft. Sie waren alle genießbar."

          Doch wenn es nötig war, sich gegenüber Aufdringlichen zur Wehr zu setzen, konnte seine Ironie beißend, ja bis zur Offenheit verletzend werden. Dem gerade aus der Bundesrepublik in die DDR gewechselten Schriftsteller Joachim Seyppel, der ihm 1974 unerbetene Ratschläge für einen geplanten (aber nicht realisierten) Film über Johann Sebastian Bach gab, antwortete er: "Ich meine nur, daß Sie, wenn Sie ernstlich einen Film in diese oder jene Richtung hin bewegen wollen, sich einer größeren Mühe unterziehen müßten, als mir einen Brief zu schreiben, aus dem ich kaum mehr ersehen kann, als daß Sie der Absender sind."

          Von unmißverständlicher Deutlichkeit sind die wenigen Briefe in diesem Band, die von Beckers Auseinandersetzung mit den Behörden und den offiziellen "Kulturträgern" in der DDR handeln. Fast gewinnt man den Eindruck, er hätte sie bewußt zu einer berechenbaren Reaktion provozieren wollen. Dem Direktor des Hauses der Tschechoslowakischen Kultur schrieb er, man möge ihn mit weiteren Einladungen verschonen, weil "ich mit großer Sorge (beobachte), wie Künstler und Kulturschaffende in Ihrem Land Repressalien, Demütigungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Nun nachdem mein Kollege Václav Havel verhaftet worden ist, verspüre ich absolut keine Lust, an Veranstaltungen in Ihrem Haus teilzunehmen."

          Er setzte sich für die Rehabilitierung Reiner Kunzes ein und trat 1977 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke warf er im Herbst 1977 vor, ihn quasi als Agenten zu kriminalisieren, und beschloß einen Brief an ihn mit dem Satz: "Aber was soll ich denn anderes tun, als die Wahrheit zu sagen, so laut ich kann, oder, da selbstverständlich auch ich keinen Besitzanspruch auf Wahrheit geltend machen kann, das zu sagen, was ich für Wahrheit halte."

          Mit solcher Offenheit war da nichts zu gewinnen. Und so teilte er dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann einen Monat später mit: "Seit geraumer Zeit lebe ich in Umständen, die mir von Tag zu Tag mißlicher erscheinen, unter denen ich nicht arbeiten kann und denen ich nicht länger ausgesetzt sein möchte. Ich halte es daher für eine naheliegende Lösung, die DDR zu verlassen." Bald danach verließ Jurek Becker die DDR.

          Viele Facetten eines viel zu kurzen Lebens spiegelt dieser Briefband wider. Und man liest ihn gern, wie jeden Briefband mit einem gewissen Sinn für Voyeurismus, der zur Sucht werden kann. In dieser Hinsicht freilich wird man nicht bedient. Jurek Becker war, was seine Person und sein Privatleben anging, ein im Grunde schweigsamer Mensch.

          Und deshalb mögen manche doch einiges vermissen. Ich vermisse am ehesten noch die Antworten der Briefpartner, die das Bild komplett machen würden oder jedenfalls komplexer. Doch dazu sind die Briefpartner zu unterschiedlich und zu vielfältig. Denn dies ist ja kein Briefwechsel.

          Was überrascht, ist die Tatsache, daß Briefe an den Freund Manfred Krug fehlen. Was aber daran seinen Grund haben mag, daß Becker und Krug, so sie beide in Berlin waren, fast täglich zusammenhockten; da gab es möglicherweise gar kein Bedürfnis nach schriftlichem Austausch. Und die Postkarten, die Jurek an "Manne" schrieb, hat der ja schon vor einigen Jahren veröffentlicht.

          Im übrigen war Jurek Becker ein Mann des unmittelbaren Gesprächs. Da konnte er erzählen - was die Briefe eher vermeiden. Ein Großteil dieser publizierten Korrespondenz bezieht sich denn auch auf Betriebliches aus einem Schriftstellerleben, auf Anfragen, Reisen, Einladungen, Veranstaltungen, die abzusagen oder zu organisieren waren. Aber auch diese Briefe liest man gern. Und alle zusammen ergeben trotz ihres Utilitarismus ein gutes Bild des Schreibers - nicht des Schriftstellers; denn von ästhetischen und literarischen Fragen sind diese Briefe nahezu frei. An dieser Stelle diskutierte er darüber nicht.

          Nur etwas davon scheint auf in jenen wenigen Antworten auf einige Leserbriefe, in denen er, selten genug, sich selbst als Schriftsteller definierte; aber immer über Drittes, nie unmittelbar. Über sich selbst sprach er in solchen Briefen nie - er hatte eine große Gabe, Probleme, Fragen in eine Ferne zu schieben, in der sie objektiv erschienen und dann auch objektiv zu beantworten waren. Und war doch einer, der sich entschieden engagierte oder besser: der sich klar entschied und dann für seine Sache stand.

          Für einen war er ganz da, mit Haut und Haar: für seinen 1990 geborenen Sohn Jonathan. Seinen Johnny liebte er abgöttisch. Als wir mal, so um 1993, ein paar Tage zusammen in Sieseby waren, gab es nur einen, aber unausgesprochenen Konfliktstoff: Mißtrauisch beäugte Jurek, wie unsere knapp vier Jahre alte Hannah mit Johnny ums Spielzeug stritt. Da durfte er nicht unterliegen, sacht und freundlich stand er ihm bei. Und Hannah, kaum hatten wir Abschied genommen und saßen im Wagen, fragte: Wann fahren wir wieder Johnny ärgern. Als ich Jurek diese Geschichte erzählte, war er nicht amüsiert.

          Ihm, seinem lieben Johnny, hat er viele schöne Postkarten geschrieben, so wie sie nur ein ganz lieber und verrückter Vater schreiben konnte - der schrieb an sein liebes Giraffenzebra, an seine liebe Tomatengurke, den alten Wurstmaxe und an das alte Bananenei; und noch viele solcher Namen fand der Vater für den Sohn.

          Seine letzte Postkarte schrieb er an den "alten Wackelpudding": "hast Du eigentlich gewußt, daß es die Eisenbahn schon länger gibt als das Auto? Und das Auto länger als das Flugzeug? Und das Flugzeug länger als die Weltraumrakete? Länger als alle Autos gibt es aber die Schuhe. Auf denen kommt man einfach überall hin, Hauptsache man hat genug Zeit. Dein Papi."

          Genug Zeit hatte der wunderbare Postkartenschreiber aber nicht mehr. Als Jurek Becker zwei Monate später starb, war sein Johnny gerade sechs Jahre alt.

          "Ihr Unvergleichlichen". Jurek Becker. Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Christine Becker und Joanna Obrusnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 443 S., geb., 24,80 [Euro].

          "Lieber Johnny". Jurek Beckers Briefe an seinen Sohn Jonathan. Herausgegeben von Trude Trunk. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 174 S., geb., 20,- [Euro].

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