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: Schreiben verdient keine mildernden Umstände

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Was überrascht, ist die Tatsache, daß Briefe an den Freund Manfred Krug fehlen. Was aber daran seinen Grund haben mag, daß Becker und Krug, so sie beide in Berlin waren, fast täglich zusammenhockten; da gab es möglicherweise gar kein Bedürfnis nach schriftlichem Austausch. Und die Postkarten, die Jurek an "Manne" schrieb, hat der ja schon vor einigen Jahren veröffentlicht.

Im übrigen war Jurek Becker ein Mann des unmittelbaren Gesprächs. Da konnte er erzählen - was die Briefe eher vermeiden. Ein Großteil dieser publizierten Korrespondenz bezieht sich denn auch auf Betriebliches aus einem Schriftstellerleben, auf Anfragen, Reisen, Einladungen, Veranstaltungen, die abzusagen oder zu organisieren waren. Aber auch diese Briefe liest man gern. Und alle zusammen ergeben trotz ihres Utilitarismus ein gutes Bild des Schreibers - nicht des Schriftstellers; denn von ästhetischen und literarischen Fragen sind diese Briefe nahezu frei. An dieser Stelle diskutierte er darüber nicht.

Nur etwas davon scheint auf in jenen wenigen Antworten auf einige Leserbriefe, in denen er, selten genug, sich selbst als Schriftsteller definierte; aber immer über Drittes, nie unmittelbar. Über sich selbst sprach er in solchen Briefen nie - er hatte eine große Gabe, Probleme, Fragen in eine Ferne zu schieben, in der sie objektiv erschienen und dann auch objektiv zu beantworten waren. Und war doch einer, der sich entschieden engagierte oder besser: der sich klar entschied und dann für seine Sache stand.

Für einen war er ganz da, mit Haut und Haar: für seinen 1990 geborenen Sohn Jonathan. Seinen Johnny liebte er abgöttisch. Als wir mal, so um 1993, ein paar Tage zusammen in Sieseby waren, gab es nur einen, aber unausgesprochenen Konfliktstoff: Mißtrauisch beäugte Jurek, wie unsere knapp vier Jahre alte Hannah mit Johnny ums Spielzeug stritt. Da durfte er nicht unterliegen, sacht und freundlich stand er ihm bei. Und Hannah, kaum hatten wir Abschied genommen und saßen im Wagen, fragte: Wann fahren wir wieder Johnny ärgern. Als ich Jurek diese Geschichte erzählte, war er nicht amüsiert.

Ihm, seinem lieben Johnny, hat er viele schöne Postkarten geschrieben, so wie sie nur ein ganz lieber und verrückter Vater schreiben konnte - der schrieb an sein liebes Giraffenzebra, an seine liebe Tomatengurke, den alten Wurstmaxe und an das alte Bananenei; und noch viele solcher Namen fand der Vater für den Sohn.

Seine letzte Postkarte schrieb er an den "alten Wackelpudding": "hast Du eigentlich gewußt, daß es die Eisenbahn schon länger gibt als das Auto? Und das Auto länger als das Flugzeug? Und das Flugzeug länger als die Weltraumrakete? Länger als alle Autos gibt es aber die Schuhe. Auf denen kommt man einfach überall hin, Hauptsache man hat genug Zeit. Dein Papi."

Genug Zeit hatte der wunderbare Postkartenschreiber aber nicht mehr. Als Jurek Becker zwei Monate später starb, war sein Johnny gerade sechs Jahre alt.

"Ihr Unvergleichlichen". Jurek Becker. Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Christine Becker und Joanna Obrusnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 443 S., geb., 24,80 [Euro].

"Lieber Johnny". Jurek Beckers Briefe an seinen Sohn Jonathan. Herausgegeben von Trude Trunk. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 174 S., geb., 20,- [Euro].

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