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: Schreiben verdient keine mildernden Umstände

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Von diesem ironischen Ton sind viele Briefe Beckers durchzogen - dessen liebenswerte Version hielt er auch für seine Freunde bereit. Bei Burgel Zeeh, der persönlichen Assistentin seines Verlegers Siegfried Unseld, bedankte er sich nach der Rückkehr von einer Norwegen-Reise, für die sie ihm ein Pilzbestimmungsbuch geliehen hatte: "Ihr Pilz-Buch war uns doch noch eine große Hilfe: Gleich nach unserer Rückkehr haben wir in einem Gemüseladen ein Kilo Pilze gekauft und jeden einzelnen anhand des Buches geprüft. Sie waren alle genießbar."

Doch wenn es nötig war, sich gegenüber Aufdringlichen zur Wehr zu setzen, konnte seine Ironie beißend, ja bis zur Offenheit verletzend werden. Dem gerade aus der Bundesrepublik in die DDR gewechselten Schriftsteller Joachim Seyppel, der ihm 1974 unerbetene Ratschläge für einen geplanten (aber nicht realisierten) Film über Johann Sebastian Bach gab, antwortete er: "Ich meine nur, daß Sie, wenn Sie ernstlich einen Film in diese oder jene Richtung hin bewegen wollen, sich einer größeren Mühe unterziehen müßten, als mir einen Brief zu schreiben, aus dem ich kaum mehr ersehen kann, als daß Sie der Absender sind."

Von unmißverständlicher Deutlichkeit sind die wenigen Briefe in diesem Band, die von Beckers Auseinandersetzung mit den Behörden und den offiziellen "Kulturträgern" in der DDR handeln. Fast gewinnt man den Eindruck, er hätte sie bewußt zu einer berechenbaren Reaktion provozieren wollen. Dem Direktor des Hauses der Tschechoslowakischen Kultur schrieb er, man möge ihn mit weiteren Einladungen verschonen, weil "ich mit großer Sorge (beobachte), wie Künstler und Kulturschaffende in Ihrem Land Repressalien, Demütigungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Nun nachdem mein Kollege Václav Havel verhaftet worden ist, verspüre ich absolut keine Lust, an Veranstaltungen in Ihrem Haus teilzunehmen."

Er setzte sich für die Rehabilitierung Reiner Kunzes ein und trat 1977 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke warf er im Herbst 1977 vor, ihn quasi als Agenten zu kriminalisieren, und beschloß einen Brief an ihn mit dem Satz: "Aber was soll ich denn anderes tun, als die Wahrheit zu sagen, so laut ich kann, oder, da selbstverständlich auch ich keinen Besitzanspruch auf Wahrheit geltend machen kann, das zu sagen, was ich für Wahrheit halte."

Mit solcher Offenheit war da nichts zu gewinnen. Und so teilte er dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann einen Monat später mit: "Seit geraumer Zeit lebe ich in Umständen, die mir von Tag zu Tag mißlicher erscheinen, unter denen ich nicht arbeiten kann und denen ich nicht länger ausgesetzt sein möchte. Ich halte es daher für eine naheliegende Lösung, die DDR zu verlassen." Bald danach verließ Jurek Becker die DDR.

Viele Facetten eines viel zu kurzen Lebens spiegelt dieser Briefband wider. Und man liest ihn gern, wie jeden Briefband mit einem gewissen Sinn für Voyeurismus, der zur Sucht werden kann. In dieser Hinsicht freilich wird man nicht bedient. Jurek Becker war, was seine Person und sein Privatleben anging, ein im Grunde schweigsamer Mensch.

Und deshalb mögen manche doch einiges vermissen. Ich vermisse am ehesten noch die Antworten der Briefpartner, die das Bild komplett machen würden oder jedenfalls komplexer. Doch dazu sind die Briefpartner zu unterschiedlich und zu vielfältig. Denn dies ist ja kein Briefwechsel.

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