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Tagebücher von Emerson : Schreib deine eigene Bibel

Ralph Waldo Emerson Bild: Picture Alliance

Gesagt, getan. Ein literarisches Ereignis ist anzuzeigen: Die Tagebücher von Ralph Waldo Emerson, dem Vordenker des amerikanischen Weltverständnisses, erscheinen zum ersten Mal in größerer Auswahl auf Deutsch.

          5 Min.

          Dieses Buch ist ein großes Glück. Zunächst einmal rein äußerlich: Halbleinen, Blindprägung, der von Michael ­Ro­senlehner gewählte Einbandkarton ein veritabler Handschmeichler, obwohl man mehr als ein Kilo Gewicht zu halten hat. Dieses Buch sticht aus jeder Regalumgebung heraus durch seine geradezu klassische Eleganz. Und der In­halt? Das erste Aufschlagen nach dem Anstaunen in der Buchhandlung führte zufällig zu einer Seite, in deren Mitte ein Eintrag vom 2. Juni 1833 mit folgenden Worten an­hebt: „Ich habe Venedig schnell satt. Es ist eine großartige Kuriosität – eine Stadt für Biber.“ Mehr braucht es doch gar nicht, um auch per Text für dieses Buch zu begeistern.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sein Autor ist Ralph Waldo Emerson, der wichtigste Autor der Vereinigten Staaten, vergleichbar in seinem Einfluss aufs amerikanische Geistesleben mit dem, was Goethe den Deutschen bedeutet(e). Emerson lebte von 1803 bis 1882, und mit ausgiebigen Niederschriften im Tagebuch begann er als Sechzehnjähriger. Seine letzten sieben Jahre durchlebte Emerson in wachsender Demenz, doch noch 1880 hielt er einen seiner legendären Vorträge in Concord, Massachusetts, wohin er 1834 aus der nahe gelegenen Geburtsstadt Boston gezogen war. Emersons Ruhm hatte weitere Autoren dorthin gezogen; die auch hierzulande bekanntesten waren Nathaniel Hawthorne und Henry David Thoreau, Pioniere der amerikanischen Erzählprosa. Emerson aber reüssierte vor allem als Philosoph und politischer Denker. Sein in Weiterentwicklung des deutschen Idealismus entstandener Transzendentalismus war bis zur Herausbildung der analytischen Philosophie im zwanzigsten Jahrhundert die wichtigste amerikanische Denkschule und prägt das intellektuelle Selbstverständnis der Vereinigten Staaten bis heute – ein metaphysisches Vernunftideal, das auf dem christlichen Prinzip der Auserwähltheit gründet. „Manifest Destiny“ als geistige Lebensform.

          Emerson war sich seiner Bedeutung be­wusst, entsprechend akribisch bereitete er seine Vorträge und die ihnen zugrunde liegenden oder daraus resultierenden Essays vor. Die amerikanische Gesamtausgabe seiner Tagebuchnotate umfasst zehn dicke Bände, und auch wenn die nun erschienene erste größere Auswahl auf Deutsch daraus fast neunhundert Seiten umfasst, reden wir doch nur von etwa einem Achtel. Umso wichtiger war Sorgfalt bei Auswahl und Übersetzung. Beide hat der Dortmunder Publizist Jürgen Brôcan besorgt, dessen Leistung einfach nur Bewunderung verdient. Man darf ihn Mitautor dieser deutschen Tagebuch-Ausgabe nennen. Und das nicht nur, weil er neben der Übersetzung auch noch die (jeweils knappe, aber präzise) Kommentierung und Benachwortung von Emersons Notaten besorgt hat.

          „Ich bedauere noch immer die Leute, die keine Biber sind“

          Brôcan macht aus dem Steinbruch der Ideen, Eindrücke und Deutungen des unermüdlich lesenden und lehrenden Emerson eine wohlvertikutierte Parklandschaft, ein intellektuelles Arkadien. Das wird Emerson gerecht, denn obwohl er seine Zeit in theoretische Gedanken zu fassen strebte, war er vor allem ein Bewunderer der großen Dichter: Shakespeares vor allem, der nie zuvor oder danach vergleichbare Elogen erhalten hat („In der Teleologie wird man sagen, dass der letzte Grund für die Erschaffung der Erde Shakespeare war“), aber auch Dantes oder der lateinischen Autoren. Und als ihm geistesverwandtesten unter den noch einigermaßen zeitgenössischen Autoren eben Goethes – „hat man Goethe oder die Goe­theaner nicht gelesen, ist man ein alt­modischer Kauz und zählt zu den Vorsintflutlichen“. Bettina von Arnim wurde so zu einem wichtigen literarischen Einfluss auf Emerson; er las fließend Deutsch. Zu den prominenten aktuellen Autoren seiner eigenen Sprache hielt Emerson dagegen eher Distanz, obwohl auch Walter Scott oder Charles Dickens ihn begeistern konnten (ganz im Gegensatz zu Jane Austen). Doch sie waren für ihn keine Dichter, weil Emerson schriftstellerisches Können an Rhyth­mik und Wortgewalt der Lyrik maß: „Bei der Lektüre von Prosa werde ich aufmerksam, sobald ein Satz hinkt, bei der Lektüre von Poesie, sobald nur ein Wort hinkt.“

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