https://www.faz.net/-gr3-45dr

: Schreib das ab, Wilhelmine!

  • Aktualisiert am

Büchners "Lenz" ist eine Ausnahme. Ohne literarische Technik, ohne ästhetisches Kalkül, "nahezu kunstlos" komme diese kleine Erzählung daher und wirke doch so überwältigend "wie eine innere Stimme". Mit dieser Begründung plädierte Peter Schneider einst vehement für den Text. Ist der "Lenz" also ein unwiederholbar ...

          4 Min.

          Büchners "Lenz" ist eine Ausnahme. Ohne literarische Technik, ohne ästhetisches Kalkül, "nahezu kunstlos" komme diese kleine Erzählung daher und wirke doch so überwältigend "wie eine innere Stimme". Mit dieser Begründung plädierte Peter Schneider einst vehement für den Text. Ist der "Lenz" also ein unwiederholbar gewordenes statt gemachtes Stück Literatur, in dem "der Herstellungsvorgang kaum Spuren hinterlassen hat"?

          Vertieft man sich jetzt in die überreich dokumentierte und kommentierte Marburger Ausgabe des kurzen Prosastücks, können einen Zweifel an Schneiders Behauptung befallen. Denn ohne die Frage nach der Kunst zu entscheiden, zeigt dieses minutiöse Puzzle deutlicher als je zuvor, daß der Text fast mehr gefunden als erfunden ist und sich die Spuren dieser Technik durchaus nachweisen lassen. Nun ist der hohe Quellenpegel in Büchners Werk keine Neuentdeckung. Der heftig umstrittene erste Band der Marburger Ausgabe ist angetreten, das für "Dantons Tod" bis ins Detail zu belegen (F.A.Z. vom 12. Dezember 2000). Für den aus medizinischen Gerichtsgutachten hervorgegangenen "Woyzeck" ist gleiches zu erwarten. Büchners Changieren zwischen Faktum und Fiktion, Dokument und Dichtung macht ihn zu einer besonderen philologischen Herausforderung.

          Auch für "Lenz" lassen sich zahlreiche unmittelbare wie indirekte Quellen anführen, die in das Werk eingeflossen sind. Hinzu kommt, daß es im Unterschied zu "Danton" und "Woyzeck" nicht einmal eine einzige Handschrift gibt, ganz zu schweigen von einer gesicherten Druckvorlage. Karl Gutzkow publizierte die "Reliquie" erstmals 1839 nach einer Abschrift von Büchners Verlobten Wilhelmine Jaeglé. Die Genauigkeit der Kopie ist dabei ebenso unklar wie der herausgeberische Anteil Gutzkows, der möglicherweise erst aus einzelnen Versatzstücken einen fortlaufenden Text herstellte. Büchners Bruder Ludwig lag wohl weder diese Kopie noch irgendein Original vor, als er das "Novellenfragment", so sein Untertitel, später in die "Nachgelassenen Schriften" (1850) aufnahm. Die Überlieferung von Büchners Hand ist also unbekannt.

          Burghard Dedner und Hubert Gersch behaupten, diesen verschollenen Urtext nun wiederherstellen zu können. Aus der "reproduktiven Phantasie", die Gutzkow Büchner für sein naturwahres Seelenporträt des Dichters Lenz bescheinigte, ist jetzt so etwas wie eine rekonstruktive Phantasie geworden, die einige Kritiker für blühend halten. Anders als bei der philologischen Erschließung eines Archetyps, etwa eines mittelalterlichen Textes, aus einer Anzahl variierender Abschriften, gibt es vom "Lenz" keine voneinander abweichenden Druckfassungen. Da man bestimmte Schreibgewohnheiten Büchners ebenso wie die redaktionellen Gepflogenheiten des Journals kennt, in dem "Lenz" zuerst publiziert wurde, kann man sich dem Original immerhin ein kleines Stück annähern. Dieser Schritt ist aber winzig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankfurt am Main : Stadt der Türme

          Nicht nur den Banken hat Frankfurt seine in Deutschland einzigartige Skyline zu verdanken. Auch Gewerkschaften und Seifenfabrikanten bauten schon Hochhäuser. Wir zeigen die größten und schönsten.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.
          Derzeit besonders im Blickpunkt, aber schweigsam: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann mit seiner Frau Zübeyde

          Vorwürfe gegen Feldmann : Die Stille nach dem Knall

          Die Frau des Frankfurter Rathauschefs Peter Feldmann soll als Kita-Leiterin außer einem Dienstwagen auch ein erhöhtes Gehalt beziehen. Eine politische Affäre wird daraus, falls Feldmann Einfluss genommen hat.

          Braunau : In Hitlers Geburtshaus zieht die Polizei ein

          Nach einem jahrelangen Rechtsstreit hat Österreich angekündigt, das Geburtshaus von Adolf Hitler in eine Polizeistation umzuwandeln. Das Haus dürfe „niemals ein Ort zum Gedenken an den Nationalsozialismus sein", so Innenminister Peschhorn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.