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: Schönheit verpflichtet

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Alle Dichterinnen haben sich selbst als "feministisch" verstanden; in ihrer Zeit war diese Bezeichnung notwendig. Heute wirkt sie ein wenig anachronistisch und überflüssig, weil die Gedichte selbst, von heute aus betrachtet, keinerlei Hemmschwellen kennen, moderne Gedichte im besten Sinne sind, die sich auch gegen Traditionen gestellt haben, ohne sie zu dämonisieren - im Gegenteil, sie haben sich ihrer selbstbewusst bedient. Das Nachwort widmet sich dem Gegenstand in einem feinen Essay, der eine Annäherung an das Thema "Frauen-Dichtung" wagt und in dem wir erfahren, dass beispielsweise Elizabeth Bishop und Laura Riding testamentarisch darüber verfügt haben, niemals in eine Anthologie aufgenommen zu werden, die sich auf Frauen beschränkt. Das ist nachvollziehbar; jede Begrenzung schadet der Literatur, die sich schon seit jeher die Entgrenzung zur Aufgabe gemacht hat. In diesem Fall leuchtet aber in vielfacher Weise die Konzentration auf Frauen ein, denn obwohl sie sich ihrer "wahren Stimme" bedient haben, sind nicht alle ihrem Rang entsprechend bekanntgeworden. Oft lag auch anfangs in Amerika der Grund für das Ignoriertwerden schlicht an der Übermacht männlicher Kollegen. Unter den dreiundvierzig Dichtern, die seit 1937 zum Poet Laureate (die höchste Ehrung für einen amerikanischen Dichter) gekürt wurden, waren neun Frauen.

Die Themen entstammen dem Ursprung der Lyrik: Natur, Leben und Tod, das "große Gewebe", wie es bei Levertov heißt. Im Gedicht werden einiges Unbewusste, Versteckte, Verdrängte, auch der Körper, das Geschlecht, die in ihm harrenden Geheimnisse freigelegt. Wieder und wieder taucht in starken Farben und Formen die Natur auf. "Wie eine Welle emporsteigt" von Hilda Morley (1919 bis 1998) beschreibt das Aufkommen und das Dasein der Wellen, als wäre dies eine speziell für das Gedicht geborene Freude.

Lorine Niedecker (1903 bis 1970), die zu den unbekannteren, aber aufregendsten Dichterinnen dieses Bandes gehört, gebührt besondere Aufmerksamkeit. Sie brach als junge Frau nach zwei Jahren ihr College ab, um ihre kränkliche, taube Mutter zu pflegen; ihr Vater war Fischer. Niedecker verbrachte den größten Teil ihres Lebens auf Black Hawk Island an den Ufern des Rock River, in der Nähe des Lake Koshkronong in Wisconsin. Sie war Stenographin, Putzfrau und Bibliotheksassistentin. Erst sehr spät nahm man sie als Lyrikerin wahr. Weder ihre Verwandten noch ihre Nachbarn wussten, dass sie schrieb. Allein mit den hier abgedruckten fünf relativ kurzen Gedichten hat sie eine einzigartige Sprachpräsenz in diesem Buch, dass man ihr auf der Stelle einen Verlag wünscht, der sich ihrer hinterlassenen Gedichte in deutscher Übersetzung annimmt. Schon ihre Titel - "Wenn Ekstase lästig ist" - muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. In diesem Gedicht heißt es am Schluss "Voller Staunen sieh, wie / oft man seinen Wahnsinn/ in die eigenen Hände nimmt/ und ihn behält."

Wie man einen Schmetterling halten kann, ohne ihn in Staub zu verwandeln, das erzählen diese Gedichte. "Sehen heißt ändern" ist eine große Wörterschatzkiste, die uns überkontinental schwimmen, fliegen, reisen lässt, eine fürs Lebendige gemachte Herz- und Wörterbörse, an der es keinerlei Verluste, aber einige Klarheiten, einige Wahrheiten zu ernten gibt, wenn man nur bereit ist, sich zum Landarbeiter des Alphabets zu machen.

MARICA BODROZIC

"Sehen heißt ändern". Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2006. 354 S., br., 36,- [Euro].

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