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: Schöne Hand und schöne Rede: Schiller in seinen Briefen

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Ob der einundzwanzigjährige Schiller einen Kondolenzbrief an den Vater seines verstorbenen Freundes richtet oder der berühmte junge Dichter an seine Gönnerin Henriette von Wolzogen, die Mutter der geliebten Charlotte, schreibt, ob Schiller in einem Brief an Caroline von Beulwitz, die Schwester seiner ...

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          Ob der einundzwanzigjährige Schiller einen Kondolenzbrief an den Vater seines verstorbenen Freundes richtet oder der berühmte junge Dichter an seine Gönnerin Henriette von Wolzogen, die Mutter der geliebten Charlotte, schreibt, ob Schiller in einem Brief an Caroline von Beulwitz, die Schwester seiner Frau, sich seines Verhältnisses Goethe gegenüber klarzuwerden versucht oder ob er nach dem Tod des Vaters die Mutter tröstet und sie mit viel Raffinement von dem Gedanken abbringt, bei ihm, dem Sohn, von nun an Zuflucht zu suchen und Wohnung zu nehmen - nie verliert dieser Virtuose der Sprache die Contenance.

          Die Themen seiner Briefe mögen noch so privat sein, immer unterwirft Schiller sie der strengen Ordnung des Gedankens und der Disziplin eines ausgeklügelten Satzbaus. Alle Intimität des Lebens verwandelt sich in die Dialektik seiner Lebens- und Kunstphilosophie. Gerade so eine knappe Auswahl aus der Masse seiner Briefe - nur ein Prozent von zweitausendzweihundert erhaltenen -, wie sie Norbert Oellers in einem Prachtband in Faksimile und Transskription gesammelt hat, macht deutlich, wie Schiller jeder Verführung zur Banalität - der Trauer, der Liebe, des Geschäfts, der Familie, der Freundschaft - widersteht.

          Die Handschriften, auf Folioseiten dargeboten, sind diesem Geist nicht äußerlich. Die nach vorwärts drängende Bewegung der Schrift von links unten nach rechts oben ist der graphologische Ausdruck eines stürmischen Willens, dessen erstes und fast monomanisch wiederholtes Programm die Einheit von Form und Inhalt, von schöner Hand und schöner Rede, gewesen ist. Den Inhalt und Verlauf dieses kurzen, aber wort- und gedankenreichen Lebens auf 22 Briefe zu reduzieren mag so viel Skepsis wecken wie der Querschnitt, den man gern durch das Repertoire einer großen Sängerin macht. Eine Primadonna der Rhetorik ist Schiller allerdings. Hervorragende Glanzleistungen gibt es bei ihm nicht, weil er immer glänzt. Dennoch bietet das Libretto, das das Leben schreibt, auch ihm Situationen, in denen er die Meisterschaft, mit der er seine Möglichkeiten handhabt, in einem Zuge zur Schau stellen kann. Ein knapper Kommentar zu den Briefen verhindert, daß diese großen Auftritte aus der Gesamtheit von Schillers Leben herausfallen.

          Gerade diese Verdichtung der Biographie macht die Wende um so deutlicher, die Schiller nimmt, als er auf Goethe trifft. Immerhin drei Briefe an ihn enthält der Band. Den berühmten Geburtstagsbrief von 1794, mit dem er Goethe umwirbt, schreibt Schiller noch mit der ganzen Spannkraft seiner Redekunst. Wie groß die Passion, wie begründet die Werbung war, zeigen die beiden späteren Briefe, die der Band enthält, vom 27. Februar (unsere Abbildung) und 11. Dezember 1798. In ihnen gibt Schiller die gepanzerte Sprache auf, mit der er sich auch engsten Freunden gegenüber gegen jegliche Zumutung von Alltäglichkeit schützte. Endlich braucht er nicht mehr den Solopart zu spielen, endlich hat er einen Ebenbürtigen gefunden. Schillers Sprache entkrampft sich in den Briefen an Goethe und läßt der Besinnung, der Nachdenklichkeit Raum. Goethe nimmt Schiller die Lust, sich zur Schau zu stellen, und führt ihn zur Selbstgewißheit.

          HANNELORE SCHLAFFER

          Friedrich Schiller: "Schöne Briefe". Herausgegeben von Norbert Oellers. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2004. 211 S., Abb., geb., 98,- [Euro].

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