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: Schneller, Pussykatze! Töte! Töte!

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Im klassischen Krimi gibt es die Leiche ja meist gleich am Anfang. So zieht den Leser die spannende Frage durchs Buch: Wer hat den Mord begangen? Und warum? In einer Krimiparodie kann sich der Autor den Mord getrost bis zum Schluss aufsparen, denn hier geht es um Überzeichnungen und komische Elemente.

          Im klassischen Krimi gibt es die Leiche ja meist gleich am Anfang. So zieht den Leser die spannende Frage durchs Buch: Wer hat den Mord begangen? Und warum? In einer Krimiparodie kann sich der Autor den Mord getrost bis zum Schluss aufsparen, denn hier geht es um Überzeichnungen und komische Elemente. So hat es auch Richard Brautigan, der 1984 im Alter von neunundvierzig Jahren verstorbene Hippie unter Amerikas Schriftstellern, bei "Willard and his Bowling Trophies" gehalten, seinem 1975 verfassten "Perverse Mystery", das jetzt unter dem Titel "Willard und seine Bowlingtrophäen" in einer neuen Übersetzung vorliegt. Darin sterben Constance und Bob, ein bedauernswertes Paar aus San Francisco, deren kompliziertem Sexleben wir bis dahin beiwohnen müssen, erst auf den letzten Seiten. Und wir kennen sofort den Täter.

          Geschossen hat einer der drei Logan-Brüder, die das Ehepaar (irrtümlich) verdächtigen, ihre geliebten Trophäen gestohlen zu haben, mehr als fünfzig an der Zahl. Drei Jahre lang haben die Logans wie ein "Böse-Bruder-Trio aus einem Western" Amerika durchstreift auf der Suche nach dem materiellen Beweis ihrer sportlichen Leistungen und sich dabei von vorbildlichen Jung-Amerikanern in skrupellose Gangster verwandelt. Ihr Vorgehen hat Brautigan, der mit "Forellenfischen in Amerika" (1967) zum Kultautor der amerikanischen Campusjugend avancierte, ins Karikaturhafte überzeichnet; ebenso das Leben ihrer Eltern: Mrs. Logan backt Unmengen Gebäck, auch als ihre Jungs schon weg sind; Mr. Logan zerlegt spielend leicht Getriebe, hat aber Probleme im Umgang mit Menschen und fände es schön, wenn das Leben selbst ein Getriebe wäre, das er reparieren könnte. Brautigan erzählt diese Persiflage auf den amerikanischen Lebensstil in den für ihn typischen Miniaturkapiteln: jeweils ein, zwei, selten drei Seiten lang, in denen die Überschriften - typisch etwa "Die Logan-Brüder schwören einen feierlichen Eid" - das Folgende vorwegnehmen. Dabei benutzt er einerseits klare, kurze Sätze, die manchmal in die Nähe von Kindersprache geraten; dann wieder geht er ein hohes Risiko ein und schreibt jenseits aller Logik. Leichtfüßig hüpft er dabei zwischen drei Schauplätzen hin und her: Es beginnt in der Wohnung von Constance und Bob, die Feigwarzen an ihren Genitalien haben und deshalb beim Sex auf Sadomasochismus umsteigen.

          In der Wohnung unter ihnen schalten John und Patricia zum Einschlafen gern die "Johnny-Carson-Show" ein, wobei aus dem Hintergrund Willard und seine Bowlingtrophäen zusehen, die John vor langer Zeit in einem abgestellten Auto gefunden hat. (Willard, um das kurz zu klären, ist ein Vogel aus Pappmaché mit langen Beinen, dem in der Geschichte keine weitere Bedeutung zukommt.)

          Der dritte Schauplatz ist ein schäbiges Hotelzimmer, in dem die drei Brüder auf einen heißen Tipp bezüglich ihrer Trophäen warten. Diese Szenen haben durchaus etwas von Becketts "Warten auf Godot": Der eine Bruder trinkt Dosenbier, der zweite liest ein Comicheft, und der dritte bereitet sich gedanklich auf den Telefonanruf vor. Doch das Telefon bleibt stumm. Sozialkritik? Formexperiment? Klamauk? Porno? Bei Brautigan gab es diesbezüglich nie eine klare Trennung, und so ist "Willard" alles zugleich. Das schmale Buch ist uns seit langem in der Übersetzung von Günter Ohnemus bekannt, der es 1981 in seinem eigenen Kleinverlag herausbrachte. Ohne Ohnemus, Fürsprecher, Agent und Übersetzer des Autors (ähnlich wie Carl Weissner im Falle Charles Bukowskis), hätten wir von dem kauzigen Amerikaner mit dem Mark-Twain-Bart sicher erst viel später erfahren.

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