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: Schneckenhaus, umbraust

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Die Volksrepublik China gehört zu den Ländern, die einer in der Urbanität gründenden Moderne am stärksten entgegengetreten sind. Mao Zedong setzte auf das Rückgrat und den revolutionären Patriotismus der ländlichen Massen, entvölkerte in gezielten Kampagnen die Städte und brandmarkte sie als Hort kleinbürgerlicher Dekadenz.

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          Die Volksrepublik China gehört zu den Ländern, die einer in der Urbanität gründenden Moderne am stärksten entgegengetreten sind. Mao Zedong setzte auf das Rückgrat und den revolutionären Patriotismus der ländlichen Massen, entvölkerte in gezielten Kampagnen die Städte und brandmarkte sie als Hort kleinbürgerlicher Dekadenz. Es ist deshalb kaum verwunderlich, daß die politisch-ideologische "Ruralisierung" der Städte, daß ihre faktische Verödung, die "Metropole" auch als literarisch-ästhetischen Bezugspunkt zeitweise völlig zum Verschwinden gebracht hat. Die neuen Heldenfiguren sollten bäuerlicher Herkunft sein, das "Land" war Ausgangsund Zielpunkt der politischen Rhetorik und der literarischen Produktion.

          In den achtziger Jahren verschob sich allerdings die Blickrichtung: Die Deng Xiaopingsche Maxime von "Reform und Öffnung", die - vor allem an der Ostküste - einen Bauboom von unvergleichlichem Ausmaß nach sich zog, machte die Stadt auch künstlerisch wieder hoffähig. Die Literatur flankierte den Prozeß in mehreren Etappen: Die Stadt wurde grundlegend rehabilitiert und galt fortan als Inbegriff eines modernen China und Gradmesser des Aufschwungs. In dem Maße jedoch, in dem die Intellektuellen in der allgemeinen Fortschrittseuphorie nicht länger als "Rädchen und Schräubchen" im kapitalistischen Räderwerk "wegweisend" waren und ihrer staatlich zuerkannten Schlüsselrolle verlustig gingen, spiegelte sich auch in der Literatur die häßliche Fratze des Städtischen wider.

          Dieser Katzenjammer hatte freilich nichts mit der Unübersichtlichkeit der Städte oder den neuen Ausbeutungsverhältnissen zu tun. Was schmerzte, war der Verlust gewohnter Privilegien und das Ausgeliefertsein an die mitunter unbarmherzigen Marktgesetze. Wie nebenbei hatte die "Literatur der Massen" die sogenannte "Massenliteratur" verdrängt. Die Staatsdichter alter Prägung gerieten ideologisch und materiell ins Abseits. Der "Kapitalismus mit sozialistischer Prägung" war ihre Sache nicht. Die neuen Wirtschaftswunderkinder hatten da von Beginn an die besseren Karten.

          "Das Leben ist jetzt", herausgegeben und übersetzt von dem Sinologen Frank Meinshausen, ist eine trotzige und staunenswerte Sammlung neuer Erzählungen aus China, die den skizzierten Umbruch zugleich dokumentiert und reflektiert. Die hier vorgestellten Autoren, nur knapp von der sozialistischen Sozialisation gestreift, geben sich ausnahmslos als Kinder der postmaoistischen "neuen Zeit" zu erkennen. Es scheint, als spielten sie mühelos auf der Klaviatur einer Postmoderne, die das Gestern und das Morgen programmatisch ausblendet. Das ideologische Vakuum, das die Generation ihrer Eltern nach dem Zerfall des Sozialismus atmosphärisch lähmte, belastet sie offenkundig wenig. Solange die Wirtschaft boomt, erübrigen sich Fragen nach einer besseren Gesellschaft. Doch machen Spaß und Pop allein auch in China nicht glücklich.

          "Nirgendwo kann man bleiben", heißt es in einem der Texte, und die Protagonistin geht konsequenterweise in die Depression und in den Tod. Der letzte Kick ist auch mit sexuellen Orgien, Drogen und Geld nicht zu haben. Das "gemeine, schmutzige Schicksal wartet in aller Ruhe". In all ihrer Unterschiedlichkeit wirken die Geschichten wie Momentaufnahmen eines beschleunigten Lebens, das die Menschen reihenweise aus der Welt fallen läßt. Das Schreiben ist vor diesem Hintergrund zuallererst eine Existenzversicherung, das Bestreben, die Zeit anzuhalten, ein Probehandeln in der Fiktion. Die Protagonisten erscheinen als unzuverlässige Navigatoren in einem menschenfeindlichen, pragmatischen Großstadtalltag, der weder geistig noch emotional Halt bietet. Ein Raum unendlicher Optionen des Begehrens, der Reizung und Befriedigung der Sinne. "Ein Leben im Schneckenhaus, wenn die Freunde kreuz und quer über den Himmel brausen?"

          Was tun, wenn die attraktive Meerjungfrau schon längst die Frau deines Nächsten ist? Wenn Sex in den Augen der Schwiegermutter ausschließlich der Zeugung des Stammhalters zu dienen hat? Wenn der Vater mit Selbstmord droht, sollte der Sohn seine "Scheiß-Aktionskunst" nicht an den Nagel hängen? Jenseits solcher Zuspitzungen ist es immer wieder die Banalität des Alltags, die hier ganz unmoralisch zu Buche schlägt. Vorgetragen wird sie nicht nur mit schwarzem Existentialistenseufzen, sondern auch mit bitterbösem Humor und Sarkasmus. Ausnahmslos haben sich die Helden einer "säkularen" Existenz verschrieben. Ihre radikale Feier der Gegenwart ist zu lesen als ein Abgesang auf die "großen Entwürfe", die für das Kollektiv so lange identitätsstiftend waren. Diese "Stadtgeschichten" junger chinesischer Autoren geben so dem Verdrängten jenseits glitzernder Neonfassaden und gigantischer Einkaufsmeilen eine literarische Gestalt - aller Angepaßtheit zum Trotz.

          IRMY SCHWEIGER.

          "Das Leben ist jetzt". Neue Erzählungen aus China. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Frank Meinshausen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 264 S., geb., 18,90 [Euro].

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