https://www.faz.net/-gr3-q194

: Schläft ein Film in allen Dingen

  • Aktualisiert am

Zweihunderteinundzwanzig Gedichte von drei oder vier, allenfalls sechs oft ganz kurzen Zeilen, reimlos, in freien Rhythmen. Gelegentlich tritt das lyrische Ich hervor und konstatiert seine Einsamkeit. Das ist dann etwas sentimental. Manchmal gibt es Vergleiche, Reflexionen, Sentenzen. Doch meist werden nur sichtbare, auch hörbare einfache Geschehnisse festgehalten.

          Zweihunderteinundzwanzig Gedichte von drei oder vier, allenfalls sechs oft ganz kurzen Zeilen, reimlos, in freien Rhythmen. Gelegentlich tritt das lyrische Ich hervor und konstatiert seine Einsamkeit. Das ist dann etwas sentimental. Manchmal gibt es Vergleiche, Reflexionen, Sentenzen. Doch meist werden nur sichtbare, auch hörbare einfache Geschehnisse festgehalten. Schnee fällt, eine Wolke zieht vor den Mond, ein Hund heult in der Ferne, eine Schlange kreuzt die Straße, eine Spinne webt ihr Netz zwischen Kirsch- und Maulbeerbaum. Es kommen durchaus auch Bergarbeiter und Eisenbahnschienen, schwangere Frauen und spielende Kinder vor. Aber im Grunde geht es um den Wechsel des Wetters, der Jahreszeiten, um das Leben und Sterben der Pflanzen und Tiere. Es sind Eindrücke, die ein ganz Auge und Ohr gewordener Beobachter von Ausflügen aufs Land nach Hause bringt.

          Anders gesagt: Die Gedichte von Abbas Kiarostami versprachlichen mit zu Zeilen aufgebrochenen Aussagesätzen Tonbilder von Bewegungen. Tatsächlich kommen einige Motive von Kiarostamis Gedichten auch in seinen Photographien vor, die Krähe im Schneefeld etwa. Und sein jüngster Film "Five" gibt in fünf festen Einstellungen - ein alter Baumstamm bricht im Meer auseinander, Enten watscheln am Strand hin und her, der Mond spiegelt sich in nächtlich stillem Wasser - sozusagen fünf Gedichtverfilmungen. Das kann man als Kritik wenden. Hat eine Lyrik, deren einzige sprachliche Tugend darin besteht, sich als Sprache unsichtbar zu machen, nicht nur einen Drehbuchcharakter? Weder die Klanggestalt noch der Anspielungsreichtum der Worte spielen eine Rolle. Und wo die Beobachtung, wie die persische Tradition es verlangt, allegorisch überhöht wird, gereicht das den Gedichten sofort zum Schaden. Der vom Erdbeben zerstörte Ameisenhaufen - ist das überhaupt möglich? - oder die Forelle, die mit dem Bach schwimmt, ohne zu wissen, wo er hinführt, lassen über der Direktheit des Sinns gleich abwinken.

          Offensichtlich sind diese Gedichte von jemandem geschrieben, dessen künstlerische Heimat nicht die Sprache ist. Das ist problematisch, weil der Sinn für das, was nicht geht, in jedem Medium neu entwickelt werden muß. Für den Film erklärt Kiarostami, daß tiefsinnige Sätze nur von ganz einfachen Leuten geäußert werden dürfen. Diese Brechung fehlt, wenn im Gedicht geradezu gefragt wird, warum wir den Tod eigentlich so fürchten. Überhaupt handelt Kiarostami in den Filmen nicht weniger als in den Gedichten recht durchsichtig von seinem eigenen Leben. Aber in den Filmen wird in Rollen objektiviert, mit Gegenentwürfen kontrastiert, was uns als direktes Bekenntnis etwas klebrig und am Ende banal auf den Leib rückt.

          Trotzdem ist die Kritik, es handle sich nur um Freizeitspiele eines bedeutenden Regisseurs, ganz ungerecht. Kiarostami stellt sich ja als Regisseur deutlich in die Tradition der persischen Lyrik. Die Filmtitel "Wo ist das Haus meines Freundes?" und "Der Wind wird uns tragen" zitieren Gedichtzeilen von Sohrab Sepehri und Farugh Farrukhzad. Doch was bei den beiden bekanntesten modernen persischen Dichtern bedeutungsüberschwer erscheint, wird bei ihm zur ganz einfachen Geschichte. Kiarostami erneuert die persische Mystik aus dem Geist des Films, und das bringen seine Gedichte, zumindest diejenigen, die elementare Geschehnisse festhalten, in die Lyrik zurück.

          Dieser Zusammenhang mag forciert wirken. Während Kiarostamis Gedichte sich dem ewig Wiederkehrenden in der Natur zuwenden, verlassen in "Ten" die Kamera nicht das Auto und das Auto nicht Teheran. Aber es geht doch darum, wie wir damit umzugehen lernen, daß Menschen, die wir lieben, sich nicht immer unseren Wünschen fügen, daß Glückliches zu Ende geht. Ebendarum geht es in der Mystik - um die Einübung in die richtige Haltung gegenüber dem Doppelcharakter des Augenblicks, Geschenk und vergänglich zu sein. Der Film freilich verändert seinerseits die Mystik. Große Worte machen sich in ihm nicht so gut. Er zwingt dazu, die Begriffe ganz in Bild und Ton zu versenken. So bringen denn auch gerade die filmischen unter Kiarostamis Gedichten eine wirkliche Erneuerung der persischen Lyrik.

          Ein Platanenblatt fällt leise und legt sich auf seinen Schatten. Zwei Tageswerke der Spinne hat der Besen der Haushälterin zerstört. Im Schrein dachte ich tausend Gedanken, und als ich herauskam, hatte es geschneit. Das sind ganz alltägliche Beobachtungen. Schläft ein Lied in allen Dingen. Die Aufgabe des Dichters besteht nicht darin, den Phänomenen möglichst viel Sinn zu extrahieren. Er will vielmehr in eine Haltung der Aufmerksamkeit einüben, in der wir selber anfangen, den Phänomenen nachzusinnen. Ist das immer wieder zerstörte Werk der Spinne nicht ein Bild der Eitelkeit alles Schaffens? Oder kann es uns umgekehrt zum Vorbild dienen, nicht auf das Schicksal unserer Werke zu achten? Ist es nicht seltsam, daß es so etwas wie Schnee überhaupt gibt? In einem wesentlichen Punkt sind die Gedichte dann eben doch sprachlich gedacht. Der Zeilensprung hemmt unser begriffsgelenktes Verstehen und lenkt unsere Aufmerksamkeit nach innen. Er ist das technische Äquivalent der langen Einstellungen im Film. Er macht aus den prosaischen Beobachtungen Bewegungsstilleben.

          Die deutsche Übersetzung allerdings macht, anders als die französische, anders vor allem als die überaus gelungene amerikanische, den Effekt wieder zunichte. Über Einzelheiten kann man natürlich immer hadern. Daß von hundert Passanten nur einer "vor meinen Habseligkeiten" stehenbleibt, ist nicht nur unnütz rührselig, sondern auch falsch, weil es um die Auslage, die auf dem Markt dargebotene Ware: die Kunstwerke geht. Das Ich läßt nicht ein ganzes Leben "für", sondern in einem Augenblick zurück. Wenn "fünf schwangere Frauen in der Stille des Warteraums vor dem Feiertag" sitzen, entsteht eine adventliche Stimmung, die im Original kaum gemeint war und die schon ein "Wartezimmer" hilfreich ins Medizinische verschoben hätte. Dabei wurde das Generikum Feiertag vermutlich nur eingesetzt, um keine islamkundliche Erläuterung zum "Donnerstag nachmittag" geben zu müssen. Aber warum dann nicht Freitag nachmittag? Und warum haben die Übersetzer keine Hemmungen, eine Vogelscheuche am Neujahrstag den Frühlingswinden auszusetzen?

          Ärgerlicherweise lesen sich die Übersetzungen aber auch so, als ob da noch einmal ein Lektor mit dem Kunstgenerator rübergegangen wäre. Die Wortwahl wurde etwas von der Normalsprache weggeschoben, der Wortstellung ein Gefälle ins Jambische gegeben. Vor allem ist durch das Weglassen vieler Satzzeichen, vieler Pronomina und Artikel, durch Umstellungen eine Aura von Modernität entstanden. Das mag im einzelnen linguistisch zu rechtfertigen sein, poetisch ist es klar falsch. Während im Original innerhalb kunstloser Sätze der Zeilensprung die Aufmerksamkeit auf die unauffälligen Geschehnisse lenkt, ist er jetzt Teil einer artifiziellen Sprachgestalt, die gerade als Sprache Aufmerksamkeit verlangt. Das kann man freilich auch zum Beleg nehmen, wie unvertraut die Aufmerksamkeit für das einfache Sehen und Hören einfacher Geschehnisse ist - welche Kunst darin liegt.

          GUSTAV FALKE

          Abbas Kiarostami: "In Begleitung des Windes". Gedichte. Aus dem Persischen übersetzt von Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Mit einem Nachwort von Peter Handke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004. 240 S., geb., 19,80 [Euro].

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.