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: Schiffbruch ohne Geschwätz, bitte!

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Um es vorwegzunehmen: Wer eine Gelegenheit sucht, diesen vorletzten großen Roman Victor Hugos wieder zu lesen, ist hier bestens bedient - eine prachtvolle Neuübersetzung, eine handliche und visuell ansprechende Ausgabe, illustriert durch eine Auswahl von Hugos Tuschzeichnungen zum Thema, ein Anhang ...

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          Um es vorwegzunehmen: Wer eine Gelegenheit sucht, diesen vorletzten großen Roman Victor Hugos wieder zu lesen, ist hier bestens bedient - eine prachtvolle Neuübersetzung, eine handliche und visuell ansprechende Ausgabe, illustriert durch eine Auswahl von Hugos Tuschzeichnungen zum Thema, ein Anhang mit Nachwort und Anmerkungen sowie zwei bisher unübersetzte Textkonvolute aus dem Zusammenhang dieses ozeanischen Werks. Von der Ausbeute des abgelaufenen Victor-Hugo-Jahres wird dies zum Wertvollsten gehören.

          Die Religion, die Gesellschaft und die Natur seien die drei äußeren Schicksalsmächte, mit denen der Mensch zu kämpfen habe, schrieb der Autor in der Vorbemerkung seines 1866 erschienenen Romans. Das Thema von Glaube und Aberglaube hatte er im "Glöckner von Notre-Dame", das des gesellschaftlichen Zusammenlebens in den "Elenden" behandelt. Blieb der Überlebenskampf in der Natur mit Pflug und Schiff. Daß Victor Hugo zur Darstellung das aquatische Medium des zweiten wählte, mag mit seinem damaligen Aufenthaltsort zusammenhängen, der täglichen Nähe des Meeres auf den Inseln Jersey und Guernsey, seit 1852 Ort seines Exils. Die ursprünglich als essayistische Einleitung für den Roman geplante, aber erst postum erschienene und hier erstmals komplett auf deutsch vorliegende Textsammlung "Der Archipel der Kanalinseln" bestätigt indessen, wie unmittelbar die ruhelosen Elemente Wasser und Wind dem Erzählgestus und dem philosophischen Anliegen des Metaromantikers Victor Hugo entsprachen. Veranlaßte das Schauspiel des Seesturms einen Richard Wagner zur mythologisierenden Phantasie in chromatischer Klangflut, so steht bei Hugo hinter aller Dramatik des Wogens die statische Vision einer Naturgeschichte zwischen Rationalität und Intuition, wie er sie 1861 in Jules Michelets "La Mer" vorfand.

          "Die Pariser haben die Bastille gestürmt, jetzt nehmen wir dich im Sturm!" ruft in Hugos Roman der Seemann Mess Lethierry aufs Meer, als sein Dampfschiff, das erste in der Gegend der Ärmelkanalinseln und für die meisten Leute noch ein Teufelsboot, vom Stapel läuft. Schon die direkte Rede hat etwas Springfluthaftes in diesem Roman - der Übersetzer spricht im Nachwort von einem "Klippen-Roman". Sie übersteigt selten zwei oder drei Sätze und schwappt meist in Form von kurzen Rufen, Volksredewendungen und Gerüchten aus den Tiefen des Unpersönlichen in die Romanhandlung empor. Der Sonderling Gilliatt vom Spukhaus "Weges-End" spricht mehr in dem, was ihm gerüchteweise vom Inselvolk nachgesagt wird, als aus dem eigenen Mund. Und auch diese durch Partizipialformen und sonstige grammatikalische Verdichtung aus der Bildflut des Romans hochfahrenden Redespritzer hat der Übersetzer aus dem französischen Original wunderbar ins Deutsche gerettet.

          Ohne ins Saloppe abzugleiten, spitzt sein Deutsch die Zunge und läßt doch die Erinnerung ans schwallhafte Erzählen des neunzehnten Jahrhunderts nachwirken. Seine Nachbildungen für die Kalauer des vierschrötig philosophierenden Matrosen Mess Lethierry sind oft Trouvaillen, wenn dieser etwa bemerkt, Bourmont habe das französisch-englische Friedensbündnis nach Waterloo mehr verschandelt als verhandelt, oder wenn er in einer seiner antiklerikalen Anwandlungen scheinbar versehentlich statt "Papsttum" "Papstdumm" schreibt. Dieser Text läßt über weite Strecken vergessen, daß man eine Übersetzung liest.

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