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Jan Faktors Roman „Trottel“ : Ran an die Gebärmutter der menschlichen Erfahrung

  • -Aktualisiert am

So kann das jedenfalls nicht bleiben: Prag zwei Jahre vor der „Samtenen Revolution“. Bild: Barbara Klemm

Zehn Jahre hat er daran geschrieben, nun ist der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert: Jan Faktors „Trottel“ ist ein selbstreflexives Schelmenmeisterstück.

          5 Min.

          Eine der vielen Hängebrücken, über die man beim Rezensieren von Büchern torkeln muss, oh­ne in den Abgrund aus Floskeln und Maschen zu fallen, ist die Hängebrücke hinein in den Text. Womit fängt man an? Mit einer Kostprobe aus dem Werk? Mit einem später zu begründenden Ur­teil? Mit einer Anekdote über den Autor? Mit einem originellen Vergleich?

          Jan Faktor hat in seinem neuen Buch an die Nöte seiner Rezensenten gedacht. Bereits im Buchdeckel befinden sich „An­­regungen und Vorschläge“ für Be­rufskritiker. Und sie bringen die Sache auf den Punkt. Dass dieser Roman eine Liebeserklärung an die alte, verschlafene DDR sei, aber gleichzeitig voller Ab­scheu: „Das passt leider nicht wirklich zusammen.“ Dass man den Autor nach der Lektüre seines Romans strafen müsste: „Für jede seiner vielen Fußnoten verdient dieser Mensch einen Stromschlag angemessener Stärke und Spannung.“ Dass das Buch zwar „kenntnisreich ge­schrieben“ sei und sogar „exzellent re­cherchiert“, leider aber „teilweise trotzdem voller Schwachsinn“. Viel Verwirrung würden vor allem „die zu Hunderten in den Fußnoten untergebrachten Detailinformationen“ stiften. Ach ja, und ganz wichtig: „Kann es gut ge­hen, wenn einer ein höchst albernes Buch über den Tod seines eigenen Sohnes zusammenstoppelt? Das Antwortwort heiße eindeutig Nein!“

          Der Versuch, Verlust auszudrücken

          Nun wäre das Urteil gefällt: Der „Trottel“ ist missraten! Das allerdings so grundsätzlich, dass jetzt die eigentliche Ar­beit beginnen kann. Die Besprechung eines Romans, für den sich Jan Faktor einige Jahre Zeit gelassen hat. 2010 war er mit seinem autobiographischen Schelmenroman über eine Jugend im Prag der Nachkriegszeit für den Deutschen Buchpreis nominiert. „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensackbimbams von Prag“ war der Titel dieses komischen Werks, das dem literarischen Außenseiter Faktor viel Bewunderung einbrachte. Danach sprengte ein Ereignis das Leben des Au­tors. Sein Sohn nahm sich mit Anfang dreißig das Leben. „Trottel“ ist der zum Scheitern verurteilte Versuch, einen Ausdruck für diesen Verlust zu finden.

          „Zum Scheitern verurteilt“ soll hier kein läppisches Kritikerurteil sein, sondern nur die Unmöglichkeit benennen, für etwas Maßloses ein Maß zu finden, in dem es gewogen und dargestellt werden kann. So mag es den einen oder an­deren, vielleicht sogar den Autor selbst, befremden, dass dies ein überaus heiteres Buch geworden ist. Jedenfalls keines, das den Verlust metaphysisch reflektiert und dabei den Schmerz in den Vordergrund stellt. Eher eines, das sich erinnert an das geführte Leben und dessen viele Irrtümer.

          Blühende Phantasielandschaften

          Indem Jan Faktor von der Geburt, dem Aufwachsen und schließlich dem Krankwerden seines einzigen Sohns schreibt, erzählt er sich selbst im Kontext seines Umfeldes, das er 1978 mit seiner Übersiedlung nach Ostberlin zu seiner späteren Frau, einer Tochter von Christa Wolf, betritt („etwas in mir wollte aus Prag verschwinden, wollte raus aus dieser fauligen, verfilzten, po­renverstopften Knödelgeschwulst“) und sogleich ethnographisch erforscht. Da­bei ist alles, was er sieht, von gargantuesker Fülle – sogar im notorischen Mangel: blühende Phantasielandschaften. „Die DDR war einfach ein Musterland, sie war glänzend verrottet, tiefst im Stunk eingeräuchert und baggerte sich au­ßerdem den Braunkohl- und Wirsingboden unter den Füßen weg.“

          Jan Faktor: „Trottel“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 397 S., geb. 24,– €.
          Jan Faktor: „Trottel“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 397 S., geb. 24,– €. : Bild: Verlag

          Zum Glück gibt es den literarischen Prenzlauer Berg, in dem zwar auch alles verrottet ist, aber den Kommune-2-Glamour einer „linken Hölle“ aufweist, wo sich alles versammelt, was abseits der Parteidoktrin denkt: „Aus dem Kreis ge­fielen mir sowieso die beeindruckend sorgenfrei lebenden Aussteiger am besten – und bei denen war es mir wirklich egal, ob ich sie Kryptoanarchisten, Eurokommunismusapostel oder nur Chaoten nennen wollte.“ Die ausreichende An­we­senheit libertinärer Frauen macht den lin­ken Debattierklub auch zu einer Le­bensstilexperimentierbude frei nach dem Motto: „Lieber ran an die Gebärmutter der menschlichen Erfahrung!“ Kurzum: „Für mich bildete der Prenzlauer Berg eindeutig den städtischen Mittelpunkt und hatte in meinen Augen, trotz des ho­hen Zerfallgrads, etwas Majestätisches. Die darunterliegenden Stadtgebiete wirkten auf mich größtenteils wie unglücklicherweise geerbte, aber de facto aufgegebene Flächenrelikte, die nach der Teilung der Stadt keine besondere Rollte mehr spielten.“

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