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: Schalom, altes Haus

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Tirza Fried ist Bauleiterin im Jerusalemer Bauunternehmen ihres Vaters Jair Mendelsohn. Als eines Tages ihr Jugendfreund Meschullam ihren Lieferwagen nach Hinweisen auf ihr anderweitiges Leben durchstöbert, findet er in einer Ecke auch "ein paar zerfledderte Romane, sämtlich aus andern Sprachen übersetzt.

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          Tirza Fried ist Bauleiterin im Jerusalemer Bauunternehmen ihres Vaters Jair Mendelsohn. Als eines Tages ihr Jugendfreund Meschullam ihren Lieferwagen nach Hinweisen auf ihr anderweitiges Leben durchstöbert, findet er in einer Ecke auch "ein paar zerfledderte Romane, sämtlich aus andern Sprachen übersetzt. ,Bücher, die von uns handeln, sind mir zu anstrengend', sagte sie mir hinterher." Der israelische Meistererzähler Meir Shalev hat sich Tirzas Worte zu Herzen genommen und in seinem sechsten Roman, "Der Junge und die Taube," dessen wunderbar unheldischer Held Jair ist, eine Geschichte geschrieben, die zwar "von uns" handelt, aber nicht anstrengend ist, obgleich sie an den Empfindungen rüttelt. Es ist eine Geschichte, die eine tiefe Liebeserklärung an Israel enthält und all jene Leser belohnt, denen täglich die Pein der israelischen Wirklichkeit an den Nerven zerrt.

          Meir Shalev selbst ist ein versierter, kritischer Beobachter der israelischen Politik. Er wurde 1948 während des Krieges geboren, "den wir Israelis Unabhängigkeitskrieg nennen". Im Sechstagekrieg 1967 kämpfte er schon selbst mit und wurde von vier Kugeln verletzt. Seither agitiert er für die Rückgabe der 1967 besetzten Gebiete, für einen Verzicht der Palästinenser auf die 1948 verlorenen Gebiete und für eine Zweistaaten-Lösung. Er ist als bissig ironischer Kommentator bekannt. Auf einer Kundgebung im Mai forderte er Ministerpräsident Olmert wegen chaotischer Kriegsführung im Libanon auf: "Gehen Sie nach Hause."

          Man muss dieses Engagement kennen, damit die Süßigkeit des neuen, hervorragend übersetzten Romans einem nicht das Gehirn verklebt. Näher betrachtet, handelt es sich aber um ein Gespinst aus Heimat, Haus, Mutter, Brieftauben, Liebe, Krieg, das sich geradezu zum harten Brocken für jene entwickelt, die in Frage stellen, dass Israel das Zuhause der dort geborenen Juden ist. Wenn Shalev Olmert nach Hause schicken will, so hat er damit das Leitmotiv aller Politik und Literatur in Israel angesprochen. Wie in keinem anderen Land geht es hier immer nur um die Verortung und Absicherung des Zuhauses eines Volkes. Shalevs Roman ist eine intelligente Sinfonie über das Zuhause-Sein, die auf eine Pointe hinläuft, die hier nicht verraten werden kann. Das Lesevergnügen besteht darin, die Leitmotive der auf drei Erzählebenen gleichzeitig sich entfaltenden Geschichte zu verfolgen. Wie eine Brieftaube stets den kürzesten Weg zum heimatlichen Schlag nimmt, so zielt auch hier alles pfeilgerade auf einen Kern: auf eine brillante Auflösung der Identitäts- und Heimatfrage des Helden Jair, welche die Verortung in Israel und die Wanderung durch Zeit und Raum verschmilzt.

          Eine Sinfonie braucht Kontrapunkte. Darum gesellt sich zur Süße der Liebe der Wahnsinn des Krieges, die Trauer um Verluste. Am Ende sind fast alle tot, die wir zu lieben gelernt haben: Jair, der unangepasste Fremdenführer, der sich auf Vogelkunde spezialisiert; seine Mutter Raaja, die den Vater und ihre zwei Söhne plötzlich verlässt; der Vater, ein Kinderarzt, der den preußisch-buchhalterischen Ehrgeiz der deutschen Juden auf seine Weise lebt; und der Bauunternehmer Meschullam Fried, freigebig, sentimental, energisch, ohne Kultur-Allüren, und seine Tochter Tirza, die Jairs Haus in den Hügeln zu Füßen Jerusalems renoviert.

          Durch diese karstigen Hügel bewegten sich 1948 Soldaten und Versorgungskonvois zur besetzten Stadt. In diesen Hügeln starb auch "das Baby", ein achtzehnjähriger Taubenzüchter der Palmach, der als Waise auf einem Kibbuz aufwuchs, weil seine Mutter es in Palästina nicht aushielt und in den dreißiger Jahren in die deutsche Heimat zurückkehrte, wo sie später ermordet wurde. Es ist eine komplizierte Sache mit den Heimatgefühlen der Juden. Das Baby starb 1948 während des Kampfes um Jerusalem.

          Jairs Erzählung bewegt sich vorwärts auf das alte Haus zu, das er finden und als seine Behausung mit Tirza renovieren wird; und sie bewegt sich rückwärts auf das Baby zu, dessen Geschichte den Schlüssel birgt für Jairs und seiner Mutter Heimatlosigkeit in der eigenen Familie und ihrer beider Affinität für die Brieftaubenexistenz, die auf Englisch "homing pidgeons" heißen: nicht Vogelfreiheit, sondern ständige Sehnsucht zur Rückkehr in den heimatlichen Schlag, eine Sehnsucht, deren Vorbedingung Liebe ist. "Eine Brieftaube muss ihr Zuhause lieben, sonst möchte sie nicht dorthin zurückkehren." Die Mütter in diesem Roman entfliehen dem Zuhause, in das ihre Männer sie mitnehmen. Sie kehren allein zurück in heimatliche Schläge. Jairs Mutter liebte ihr Haus in Tel Aviv. "Kehrten wir von fern oder nah zurück, geriet sie in freudige Erregung: ,Gleich kommen wir heim.' Du drücktest die Klinke, machtest die Tür auf und sagtest ,Schalom, Haus' ins kühle Halbdämmern. ,Sagt ihr auch Schalom, Haus', wies sie uns an, ,und hört gut hin, denn es grüßt euch zurück.'"

          Die Häuser, die man mit "Schalom" ("Frieden") grüßt und die zurückgrüßen, stehen in Tel Aviv und um Jerusalem in den Grenzen nach dem Krieg von 1948. Das ist Meir Shalevs politische Botschaft. Die süße Hülle dieses Romans trügt. Was drin steht, entpuppt sich als Stahlkugel in einem Marshmallow.

          SUSANNE KLINGENSTEIN

          Meir Shalev: "Der Junge und die Taube."

          Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 486 S., geb., 22,90 [Euro].

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