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Neuer Roman von Amélie Nothomb : Saufen, aber richtig

Machen Sie eine typische Handbewegung: Amélie Nothomb prostet Fotografen zu. Bild: Picture-Alliance

Amélie Nothomb lässt die Korken knallen: Ihr zutiefst französischer Roman „Die Kunst, Champagner zu trinken“ ist eine Liebeserklärung an den Rausch und an eine ungewöhnliche Freundschaft.

          Lebensführung ist eine kaum zu erlernende Kunst. In Disziplinen aufgesplittet, lässt sie sich zumindest partiell bewältigen. Der Buchmarkt bietet da etwa „Die Kunst, stilvoll älter zu werden“, „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“, „Die Kunst, an nichts zu glauben“. Jetzt liefert Amélie Nothomb eine neue Hilfestellung: „Die Kunst, Champagner zu trinken“ lautet der gar nicht mal so gute deutsche Titel.

          Tatsächlich steigt der Roman wie ein Ratgeber mit der klaren Empfehlung ein, Essen und Trinken, also, rauschhaftes Trinken, strikt zu trennen, denn: „Beim Trinken den Rausch vermeiden zu wollen ist ebenso kläglich, wie sich beim Hören sakraler Musik gegen das Gefühl des Erhabenen zu sperren.“ Also fastet Amélie Nothomb sechsunddreißig Stunden lang und bricht das Fasten mit Veuve Clicquot, woraufhin sich Visionen von Schmuck einstellen, der dem Champagner gleicht. „Das Gold seines Kleids war in die Armreife gegossen, die Bläschen in die Diamanten. Und der Kühle des Silbers entsprach die Kälte des Schlucks.“

          Amélie Nothomb: „Die Kunst, Champagner zu trinken“

          Wir haben es hier mit einer Liebesgeschichte zu tun, einer nahezu lebenslangen, überbordend glücklichen und erfüllten Liebe. Doch etwas fehlt: ein Saufkumpan, mit dem das vollkommene Gefühl sich teilen lässt. Amélie Nothomb findet ihn in der jungen Pétronille Fanto, die dem Vernehmen nach der Schriftstellerin Stéphanie Hochet nachempfunden ist. Anfangs ist sie ein Fan, später beginnt sie selbst zu schreiben - und mit ihrem proletarischen Hintergrund bringt sie die 1966 geborene belgische Diplomatentocher Nothomb immer wieder absichtsvoll in Verlegenheit.

          Die Ungleichheit dieser Freundschaft ist stellenweise amüsant, trägt den Roman jedoch nicht, wie die Autorin das womöglich erhofft hatte. Stattdessen ist es Amélie Nothombs Neigung, sich in sonderbare Situationen zu stürzen: Hinreißend die Episode, die sie als Interviewerin nach London zu Vivienne Westwood führt, die sie wie einen seltsam abstoßenden Käfer behandelt und anschließend mit ihrem Hund Gassi schickt. Bald darauf gehen die Freundinnen gemeinsam Ski fahren, obwohl Amélie Nothomb seit ihrer Kindheit nicht mehr auf Skiern stand und ständig den Schnee küsst, bis ihr Körper sich erinnert und beide - natürlich - mit einer Flasche Champagner in der Hand den Hang hinunterwedeln.

          Ein zutiefst französischer Roman also. Das gipfelt nach dem Westwood-Interview in einer Diskussion darüber, ob man einander nun duzen oder siezen solle, die unter deutschen Freundinnen nach gemeinsamen Erlebnissen von dieser Tragweite eher selten vorkommen dürfte. „Wir haben im selben Bett geschlafen, ich habe Sie in Ihrem orange Pyjama gesehen, und jetzt essen wir zusammen Fish and Chips. Das Siezen wird langsam komisch“, befindet Pétronille, woraufhin ein Münzwurf entscheidet. Diese liebenswerte Überspanntheit zieht sich durch den ganzen Roman. Er hat nicht viel mehr zu bieten als das, aber das genügt für seinen Umfang.

          Amélie Nothomb: „Die Kunst, Champagner zu trinken“. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes Verlag, Zürich 2016. 144 S., geb., 20,- €.

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