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Sasha Marianna Salzmanns Roman : Wenn das Heimatland nicht heimelig ist

Sasha Marianna Salzmann im September 2017 in Frankfurt Bild: Picture Alliance / Arne Dedert / dpa

Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ erzählt nicht nur eine originelle russisch-deutsche Emigrationsvor- und -nachgeschichte, sondern weist unsere Zeit in die Schranken.

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          Dreimal erhebt ein Ich die Stimme, zu Beginn, in der Mitte und am Ende von Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Die da „ich“ sagt, ist Nina, 1995 in Deutschland geborene Tochter der ausgewanderten russischen Friseuse Tatjana. An ihrem neuen Wohnort im Plattenbau­gebiet von Jena-Lobeda, eher eine Ab­schiebestation für Aussiedler aus den sowjetischen Nachfolgestaaten als eine neue Heimat, hatte Tatjana die Bekanntschaft der Ärztin Lena gemacht, die aus dem Grenzgebiet der Ukraine zu Russland stammt.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damals herrschte dort noch kein Krieg. Aber Lenas Klinikchef hatte unter dem Eindruck der Perestroika und des Zerfalls der Sowjetunion festgestellt: „Unser Land liegt vom Bauchnabel bis zur Gurgel aufgeschnitten auf dem Operationstisch. Diese ... Umwälzungen, diese Veränderungen ... werden immer mehr Menschen produzieren, die zu allem bereit sind. Sie glauben nur an sich, denn woran sollen sie sonst glauben?“ Es ist dieser Typus von postsowjetischem Menschen, der Lena außer Landes treibt, denn sie glaubt noch an mehr. Das ist die Emigrationsvorgeschichte im Roman.

          Ihr guter Glaube aber wird gründlich erschüttert in Salzmanns Buch, das man einordnen kann in eine ganze Phalanx deutsch-russischer Erzählungen von jungen russisch-deutschen Autoren, die damit auch sämtlich große Erfolge gefeiert haben, ob sie nun Olga Grjasnowa, Dmitrij Kapitelman, Lena Gorelik oder Alina Bronsky heißen. Sie alle sind Kinder der Sowjetunion, mündig geworden in Deutschland, und ihre Romane bieten Doppelpsychogramme der jeweiligen Herkunft und des Einfindens ins neue Heimatland, das niemand von ihnen als heimelig beschreibt.

          Das liegt daran, dass sie sich rational mit Deutschland aus­einandersetzen mussten, während die Erinnerung an die frühe Kinderzeit emotional besetzt ist. Salzmann, Jahrgang 1977, aber verlässt nun die gewohnten Bahnen, indem sie zur zen­tralen Protagonistin ihres Buchs eine Person macht, die zehn Jahre älter ist als sie selbst, weshalb Lena mit unsentimentalem Blick auf ihr Geburtsland blickt. Was aber eben nicht heißt, dass Lena den Glauben an die anderen Menschen verliert.

          Sasha Marianna Salzmann: „Im Menschen muss alles herrlich sein.“ Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 383 S., geb., 24,– €.
          Sasha Marianna Salzmann: „Im Menschen muss alles herrlich sein.“ Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 383 S., geb., 24,– €. : Bild: Suhrkamp

          Im Grunde ist sie einig mit Tschechow, aus dessen „Onkel Wanja“ der Titel von Salzmanns Roman entlehnt ist. Aber solche literarischen Reminiszenzen sind wiederum nicht die Sache der um eine Generation jüngeren Nina – ihr Geburtsjahr entspricht dem Auswanderungsjahr von Salzmann. „Wenn ich mir die Erinnerungstexte der ehemaligen Sowjetmenschen anschaue“, sagt Nina im Mittelteil des Romans, „habe ich das Gefühl, sie haben nie miteinander gesprochen und wissen gar nicht, dass ihre Realitäten so unterschiedlich waren. Und sie werden es auch nie erfahren, weil sie miteinander nur in Zitaten von Schriftstellern reden, die vor Hunderten von Jahren gestorben sind.“ Das ist die Emigrationsnachgeschichte im Roman. (Und dabei selbst ein Zitat, das für Gebrauch in den nächsten paar Hundert Jahren taugt.)

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