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Sascha Rehs Roman „Aurora“ : Die Drohnenschlacht ist abgesagt

Sascha Reh: „Aurora“. Roman, Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2018, 184 S.; geb.; 20 Euro.

Der Preis dafür ist, dass der Leser fast zu viel von allen weiß, dass er zu viel versteht, genauer: dass sein Verständnis für die drei Figuren in ihrem Gegen- und zuweilen überraschenden Miteinander es zu leicht gemacht bekommt. Während die Sprünge selbst die Lektüre spätestens dann erschweren, als Reh die Erinnerung Oles an eine bestürzende Begegnung mit seinem Sohn ansatzlos mit Tamaras Kommentaren schneidet, ohne dass überhaupt klar wäre, wie ausführlich der Journalist die Erinnerung mit der Hebamme geteilt hat.

Bei all seinen bitteren, wuchtigen, pathetischen Momenten ist „Aurora“ als Satire angelegt: Eric ist charakterlich mit der nötigen Unbeholfenheit für eine im Grunde lächerliche Figur mit heimlicher Größe ausgestattet, Ole mit seiner Flasche und Tamara mit einigen Waffen, um dem Widerling Paroli zu bieten und ihn notfalls auch ihrerseits ordentlich unter Druck zu setzen.

Es sind Waffen wie diese, die übrigbleiben, wenn der Leser unter die Oberfläche von „Aurora“ schaut, unter die Schicht aus Slapstick und spitzen Dialogen, an der pittoresken Szenerie vom Panzer im Schnee vorbei, an der ironisierten Weihnachtsgeschichte, in der zwar kein Kindlein heut geboren wird, aber doch mit dem so weit südlich äußerst seltenen Polarlicht, der titelgebenden Aurora borealis, einer Himmelserscheinung, die den drei Toren aus Dänemark den Weg zum Wesen der Wahrheit weist. „Das Wesen der Wahrheit“, so hätte Ole seine Reportage zu guter Letzt am liebsten genannt, noch lieber „Die Drohnenschlacht“, mit Blick auf die männlichen Bienen, die, nach der Befruchtung der Königin ohne Zweck für das Volk, von den Arbeiterinnen getötet werden: zwei unverblümte Hinweise des Romanautors Reh auf mögliche Lesarten seines Buchs.

Und tatsächlich haben es die Männer in „Aurora“ nicht leicht: Tamaras Mann zeugungsunfähig. Ole von seiner Ex-Frau ums Sorgerecht gebracht und dann auf Unterhalt verklagt, schließlich in der Weihnachtsnacht im eiskalten Panzer erst verführt und dann mit der Drohung zum Schweigen gezwungen, einer Vergewaltigung bezichtigt zu werden, falls er das herumerzählen sollte. Eric schließlich nach einem Moment wortloser Leidenschaft hinter Bienenstöcken mit toten Drohnen darunter voller Hoffnung zurückgelassen, mit einer Liebe, auf die er keine Antwort finden konnte. Bis er sie einfordern gefahren ist, an Heiligabend, mit dem Schützenpanzer.

Und während sich der Leser noch fragt, was er anfangen soll mit diesem Zerrbild weiblicher Bereitschaft zu Ausnutzung, Ignoranz und Erpressung, das Sascha Reh im Roman gleich als Triptychon angelegt hat, ist es Tamara, die Ole den Titel wieder ausredet. „Die Drohnenschlacht“ bedeute so etwas wie: Das Zeitalter der Männer sei vorbei - so rechtfertigt sich der Journalist auf den Rat der Hebamme, mit solchen Metaphern vorsichtig zu sein, und auf die Frage, ob er überhaupt wisse, was das Wort eigentlich bedeute. Die Drohnen müssten weder sterben, weil sie männlich sind, klärt ihn Tamara auf, noch weil sie ausgenutzt würden. „Oder aus sonst einem Grund, der irgendetwas mit uns zu tun hätte.“ Bei Bienen sei es einfach so, ein ewiger Kreislauf. „Bei uns nicht. Ende der Geschichte.“

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