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Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz : Heulen statt erwachsen werden

Bild: S. Fischer Verlag

Sarah Kuttner erzählt von einem ganz normalen Paar mit ganz normalen Problemen, das natürlich nicht erwachsen wird. Wäre aber besser gewesen - für den Roman und das Paar.

          „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ – das ist ein derart diffus gefasster Generationsslogan, dass ihn so ziemlich jeder zwischen zwanzig und vierzig mehr oder minder abnicken kann. Magazine lassen sich auch gut verkaufen mit diesem Gefühl, lieber noch nicht so viel Verantwortung tragen zu wollen, wie „Neon“ seit einiger Zeit beweist. Durch den neuen Roman von Sarah Kuttner zieht sich dieser Slogan so leitmotivisch, dass man fast glaubt, das in einer Merchandiseanstrengung hervorgebrachte Buch zur Zeitschrift zu lesen. „Quarterlife Crisis“ hat die Wellness-Psychologie das Phänomen benannt, und damit ist es nun in der Welt und will mehr sein als nur das Rumpeln und Holpern, das ein neuer Lebensabschnitt mit sich bringt. Nimmt man das halt seufzend zur Kenntnis und hofft darauf, dass die Angelegenheit wenigstens unterhaltsam sein möge.

          Die Protagonisten sind es nicht gerade: Luise ist Herrenschneiderin und kann sich nicht dazu durchringen, vom Leben mehr zu wollen, als älteren Herren Anzüge zu nähen. Anscheinend ist sie auch zeitlich ziemlich unausgelastet, denn sie absolviert ab und zu Castings, will aber eigentlich keine Filmkarriere machen. Im Grunde will sie nur ihre Ruhe, das aber nicht zugeben, weil ja jeder etwas wollen soll – Karriere, eigene Modekollektion, berühmt sein. Oder zumindest Theaterarbeit, findet ihr Vater. Luises Freund Flo ist Manager in einer Kletterhalle und vor allem sportlich und nett. Diese beiden ziehen nun zusammen mit viel Geheule und Gezweifel und unter Aufopferung eines alten Sofas namens „die Schabracke“, weil ja alles neu sein muss, und man fragt sich, warum eigentlich. Und wer den beiden eingeredet hat, dass man nur auf diese Weise erwachsen werden könne.

          Unendlich normal, unendlich öde

          Anscheinend wird einem als Mittzwanziger dauernd von Freunden und von den bösen Medien erklärt und gezeigt, wie man zu leben hat. Und anscheinend fügt man sich, wie Luise und Flo es tun, in diese Fremdvorstellungen. Bringt bestenfalls ein bisschen Ironie auf, findet es dann aber doch alles ganz richtig. Wie solche Bilder zustande kommen und warum junge Menschen so empfänglich dafür sind, sich dauernd von Konventionen anderer verrückt machen zu lassen, anstatt einfach zu tun, was sie wollen, darum geht es in diesem Buch leider nicht. Auch nicht darum, ob und wie sich diese Konventionen von denen der Eltern unterscheiden. Das wäre dann vermutlich das bessere, klügere Buch mit den interessanteren Fragestellungen geworden.

          Sarah Kuttner nimmt den diffusen Druck von außen als selbstverständliche Gegebenheit hin und schaut, was aus ihrem Paar unter diesen Versuchsbedingungen wird: nichts natürlich. Das Paar lebt sich auseinander und trennt sich. Es tut das, was Millionen anderer Paare tun, es streitet und heult, es zappelt und resigniert, die Gründe sind langweilig und die Folgen absehbar. Luise zickt, Flo leidet stumm. Frauen halt, Männer halt. Dazu ein Haufen falscher Vorstellungen. Es ist so unendlich normal und öde. Und traurig.

          Nur Niedlichkeiten und Menschenhüllen

          Dann gibt es noch Luises Schwester Jana, die Psychologie studiert und an der großen Schwester für künftige Aufgabenstellungen üben darf. Für Jana ist in diesem Magazinroman die Rolle der Briefkastentante vorgesehen: „Flo ist nicht für dein Glück zuständig“, sagt sie zu Luise, der Erzählerin. Das kennt man aus Frauenzeitschriften, und das markiert auch so ungefähr die Reflexionstiefe, auf der sich die ganze Angelegenheit bewegt. Jana bleibt nicht die einzige Ratgeberin: Die alten Herren, die Maßanzüge in Auftrag geben, haben auch noch die ein oder andere goldene Weisheit aus alten, ehrlicheren Zeiten zur Hand, in denen anscheinend alles so wunderbar unkompliziert war mit der Liebe und dem Leben, wenn nicht gerade die Russen irgendwo einfielen.

          Die Plapperstimme der Erzählerin Luise gleicht dabei jener Stimme, die schon Sarah Kuttners Debüt erzählte und die man mit etwas gutem Willen als Rollenprosa bezeichnen kann. In Kuttners erstem Roman „Mängelexemplar“ durchlitt Protagonstin Karo eine Depression, und es war noch einigermaßen erfrischend, welche Worte sie fand, um über Panikattacken, Therapie und Medikation zu berichten. Wenn das Thema jedoch keines mehr ist, wenn es nur noch um ein Gefühl geht, irgendwelchen Ansprüchen nicht zu genügen, ohne dass diese Ansprüche jemals wirklich hinterfragt werden, was dann? So plappert sich Luise durch die ganze Misere, findet das Leben unangenehm verworren und sich selbst auch und hält das vermutlich für echtes Nachdenken. Besonders lernfähig ist sie dabei nicht. Und das macht den Roman so anstrengend: Man liest diese manische Sprache, diese Niedlichkeiten, diese Problembehauptungen, liest über Menschenhüllen hinweg, über nichtvorhandene Handlung und diffuse Sehnsüchte und die Annahme, es mit einem Generationenphänomen zu tun zu haben, und wartet auf etwas, irgendetwas. Es muss ja kein Knaller sein, aber vielleicht ein bisschen mehr als eine gelungene Formulierung wäre gut. Kommt aber nie.

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