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Sarah Kirsch: Märzveilchen : Die Auswahl der Wolle beim Stricken

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Bild: Verlag

Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill: In ihren Tagebuchaufzeichnungen erzählt Sarah Kirsch von Zugvögeln, Lindenblüten und sommerlichen Bädern im Fluss - und gibt en passant Einblick in ihre Poetologie.

          In den neun Monaten zwischen Dezember 2001 und September 2002 ist vieles in der Welt passiert: Die Suche nach dem Terroristen Bin Ladin und die Furcht vor neuen Anschlägen dominierten die amerikanische Politik, in Europa wurde eine neue Währung eingeführt, und im Sommer überfluteten schwere Hochwasser Teile der Dresdner Altstadt. Im Fernsehprogramm gab es hingegen in dieser Zeit viel Erfreuliches, vor allem in den Kultursendern: alte Spielfilme und Dokumentationen über die Fauna der Tiefsee, gelungene Theaterinszenierungen und Konzertübertragungen.

          Von all dem berichtet Sarah Kirsch in ihren Tagebuchaufzeichnungen, und sie trennt dabei nicht zwischen der großen Weltpolitik und den kleinen Ereignissen ihres zurückgezogenen Lebens auf dem Land. In ihrem Haus an der Eider fühlt sich die Dichterin, wie man seit langem weiß, besonders wohl, und so finden sich in diesem Band viele genaue Schilderungen der schleswig-holsteinischen Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Die Ankunft der ersten Zugvögel wird ebenso freudig begrüßt wie die Blüten von Weißdorn und Linde; das Quaken einer Unke vor dem Haus ertönt als angenehmer Wohlklang. Kleine Naturgedichte, in ihrer Verknappung oft Haikus ähnlich, gehören denn auch zu den eindrücklichsten Passagen des Buches.

          Es wird rasch deutlich, was sie von ihnen hält

          Daneben aber ist viel von Alltäglichem die Rede. Dazu gehört die Auswahl der Wolle beim Strümpfestricken wie die Nachricht über seltene Besucher oder über die Bäder, die Kirschs dreiunddreißig Jahre alter Sohn in der sommerlichen Eider nimmt. Und dass Mutter und Sohn in diesem Frühjahr 2002 zusammen genau 100 Jahre alt sind, ist ebenfalls Anlass für eine freundliche Betrachtung. Von Kirschs künstlerischer Tätigkeit, ihrem Schreiben und Malen, ist dabei nur am Rande die Rede, und sogar häufiger noch als von ihren Gedichten und Prosatexten von ihren „Akwarellern“, die jeweils in Serien entstehen. Eines dieser Aquarelle, dessen intensive Farben an eine Mohnblüte erinnern, macht den Buchumschlag zum leuchtenden Blickfang.

          Nun wissen wir spätestens seit den Tagebüchern von Thomas Mann, dass das Alltagsleben gerade der Kreativen und Produktiven häufig mit Routinen und banalem Kleinkram ausgefüllt ist - eine Einsicht, die von Sarah Kirschs Aufzeichnungen anschaulich bestätigt wird. Man mag sich fragen, warum die Dichterin dieses Tagebuch überhaupt veröffentlicht hat, zumal sie, wie sie deutlich zu verstehen gibt, wenig Zutrauen in den Literaturbetrieb hat und die „schlappohrigen Kritiker“, die mit ihren jüngsten Büchern wenig anfangen konnten, mit - immerhin freundlichem - Spott bedenkt. Auch über ihre schreibenden Kollegen fällt Kirsch gern pointierte Urteile. So wird rasch deutlich, was sie von den damals aktuellen Büchern von Günter Grass, Peter Handke, Christa Wolf und Elke Schmitter hält (nämlich rein gar nichts), während sie V. S. Naipaul, Wislawa Szymborska, und Josef Guggenmos hoch achtet, ja geradezu bewundert.

          So sind an verschiedenen Stellen dieser Aufzeichnungen doch Bruchstücke einer Poetik der Sarah Kirsch zu erkennen, die die Lektüre über die Alltagsnachrichten hinaus lohnenswert erscheinen lassen. Nur schade, dass Kirsch immer wieder in einen forciert burschikosen Ton verfällt, der schnell penetrant wirkt und in seltsamem Kontrast zum fein kalibrierten Stil ihrer Lyrik steht. Dass die Monatsnamen gern im Stil von Christian Morgenstern verdreht werden - Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill - kann ja noch als literarisches Spiel erfreuen, schnell langweilig wird es aber, wenn auch die Wochentage in ähnlich verdrehter Form erscheinen: Mohntach oder Montauk, Donner und Freitach. In der Wiederholung liegt dabei das eigentliche Problem, denn spätestens bei der dritten oder vierten Erwähnung wird der „Mistwoch“ zum schalen Witz, dem kein poetischer Mehrwert und auch keine Originalität mehr abzugewinnen sind.

          Ganz ähnlich steht es mit der Darmstädter Akademie für „Strafe und Richtung“, deren Sitzung Sarah Kirsch in jenem Frühjahr fröhlich ferngeblieben ist. Und warum muss sie gleich mehrfach das Bundesland, in dem sie zu Hause ist, als „Schließlich-Holzbein“ bezeichnen, auf den Ort ihrer Kindheit - Halberstadt - als „Halftown“ verweisen und wiederholt erwähnen, dass sie nach „Rendsborough“ zum „Glatzenschneider“ fährt? Solche Wortverdrehungen und Zitate veralteter Jugendsprache mögen ihren angemessenen Platz in der vertrauten mündlichen Kommunikation haben, bei der Lektüre ermüden sie die Leser jedoch schnell. So bleibt am Ende die Einsicht, dass es in diesen Aufzeichnungen viel rhetorische Spreu gibt, unter der die gewichtigen Passagen verborgen sind. Oder um es mit Sarah Kirsch selbst zu sagen: „Am schönsten ist es wenn es schön ist.“

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